Medien : Verlängere deine Jugend

Mit „Neon“, das an diesem Montag erscheint, will der „Stern“ eine Lücke in der Zeitschriftenlandschaft füllen. Es soll das erste Magazin sein, das sich an Männer und Frauen zwischen 20 und 30 Jahren richtet. Was sie eint? Eigentlich sollten sie erwachsen werden

Ulrike Simon

Zwei Sätze reichen aus, um zu erklären, warum es ab Montag das Magazin „Neon“ zu kaufen gibt. Der erste steht als Motto auf dem Titel der Zeitschrift: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden.“ Der zweite Satz lautet: „Es gibt Zeitschriften für junge Frauen, für junge Männer gibt es nur Zeitschriften mit diesem Bier- und Sperma-Humor, aber es gibt kein ernst zu nehmendes Magazin, das sich gleichermaßen an Männer und Frauen zwischen 20 und 30 richtet“. Dieser Satz stammt von Andreas Petzold, Co-Chefredakteur des „Stern“, unter dessen Dach „Neon“ erscheint.

Angefangen hat alles im vergangenen Juli, mit dem Ende von „Jetzt“, der Jugendbeilage der „Süddeutschen Zeitung“. Aus Kostengründen wurde es eingestellt, die Medienkrise forderte ihre Opfer. Und am leichtesten und schnellsten waren junge Redakteure zu verschmerzen, die einen etwas schrägen, spielerischen, unkonventionellen Journalismus pflegten – noch dazu in einem wöchentlich erscheinenden Heft, das der Zeitung kostenlos beilag, also nie den Beweis antreten musste, dass tatsächlich jemand Geld dafür zahlen würde. Womit der Süddeutsche Verlag jedoch nicht gerechnet hatte, war, dass die jungen Leser für das „Jetzt“-Magazin auf die Straße gehen würden, um gegen die Einstellung zu demonstrieren. So etwas hatte es bis dahin noch nie gegeben. Beim finanziell angeschlagenen Süddeutschen Verlag zeigte das keine Wirkung. Aber bei den Verlagsleuten vom „Stern“ in Hamburg, die daraufhin nach München reisten. Sie schlugen dem Süddeutschen Verlag vor, das „jetzt“-Magazin gemeinsam neu aufzulegen und an den Kiosk zu bringen. Die Verhandlungen scheiterten, und es hatte den Anschein, als sollte „Jetzt“ gar keine zweite Chance bekommen. Die Forderungen des Süddeutschen Verlags waren für die „Stern“-Leute nicht zu akzeptieren, und so knüpften sie den direkten Kontakt zu den ehemaligen „Jetzt“-Machern. Gruner + Jahr, der Verlag des „Stern“, stellte ihnen an seinem Münchner Standort, dort wo auch die Redaktionen von „Marie Claire“ und „P.M.“ sitzen, im Keller einen Raum zu Verfügung, gab den Journalisten und Grafikern befristete Arbeitsverträge und ließ sie erstmal vor sich hinwerkeln. „Ich glaube, denen beim ,Stern’ gefiel es ganz gut, dass wir so systematisch arbeiteten“, sagt Timm Klotzek, gemeinsam mit Michael Ebert, Redaktionsleiter von „Neon“. Und tatsächlich. Andreas Petzold lobt bei den „Neon“-Leuten vor allem deren „theoretische Herangehensweise“. Warum braucht es ein neues Jugendmagazin? Wer sind die Leser? Was wollen die?

Am Ende dieser ersten Überlegungen stand der Satz: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“. Er beschreibt den Kern des Magazins, mit ihm überzeugten die Magazinentwickler die Verantwortlichen des vor langer Zeit schon in die Jahre gekommenen „Stern“. Einen „Imagetransfer“ erhoffen sich die Chefs der im August vor 55 Jahren von Henri Nannen erfundenen Illustrierten.

„Neon“, 180 Seiten dick, kostet 2 Euro 50 und erscheint am Montag erstmals – und vielleicht auch einmalig. 150 000 Exemplare ließ Gruner + Jahr drucken. „Klar, dass man damit keine 120 000 verkaufen und auch nicht jeden Kiosk beliefern kann“, sagt Petzold – und hofft auf 70 000 Käufer. „Es ist ein Test. Wie es weitergeht, das entscheidet sich danach. Erstmal sehen, wie die Leser reagieren und was die qualitative Marktforschung ergibt.“ Im August weiß man mehr. Es gibt drei Möglichkeiten: Entweder „Neon“ ist ein Volltreffer, oder die Redaktion muss noch „feinjustieren“ – in diesem Fall käme „Neon“ künftig monatlich. Oder, dritte Möglichkeit, die erste Ausgabe von „Neon“ ist zugleich die letzte. Dann war es zumindest einen Versuch wert. Auf alle Fälle ist es beachtlich, dass G + J gerade in Zeiten, in denen nur gespart, gekappt, gekündigt und saniert wird, etwas Neues ausprobiert.

Und wie ticken sie nun, die 20- bis 30-Jährigen? Petzold sagt, sie seien selbstkritisch, hätten ein sehr feines Gerechtigkeitsempfinden. Und: Früher sei es darum gegangen, dazu zu gehören. Heute gebe es nichts mehr, zu dem man gehören könnte. „Jeder fragt sich daher: Was kann ich tun, um glücklich zu sein?“ Klotzek sagt: „Wir schreiben nicht für den 25-Jährigen, der 52 Krawatten und eine Putzfrau hat und morgens um 6 Uhr 50 die Maschine von München nach London nimmt.“ Vielmehr für den Zweifler, der seine Ausbildung weitgehend hinter sich hat, erste Versicherungen abgeschlossen hat, weil man die halt braucht, sich aber eigentlich noch gar nicht so richtig festlegen, so wirklich erwachsen sein will.

„Neon“ will ein Jugendmagazin sein, doch wie definiert man Jugend? Altersgrenzen verwischen, mancher 25-Jährige wirkt strenger, lustloser und gemaßregelter als mancher 60-Jährige. „Neon“ definiert sich dennoch über das Alter, richtet sich an 20- bis 29-Jährige. Der eine ist Hip-Hopper, der andere Karrierist, wieder andere denken ganz früh an Familie, Haus und Garten. „Neon“ sucht den größten kleinsten gemeinsamen Nenner. Und so kam nicht Sven Giegold von Attac auf den Titel, obwohl er es in der Titelgeschichte „Die 100 wichtigsten jungen Deutschen“ auf Platz 1 geschafft hat, sondern die mehrheitsfähige Nora Tschirner, gemeinsam mit Benno Führmann. Beide gut aussehend, beide prominent, sie sprechen beide Geschlechter an.

Dem Mainstream geschuldet scheint auch der „Fühlen“-Teil mit Artikeln über Fremdgehen, Liebe, Beziehungsprobleme, Orgasmus (erinnert sehr an die „Jetzt“-Rubrik „Für Jungs – für Mädchen“). Die letzte Seite „Was wird eigentlich aus …?“ verneigt sich vor dem „Stern“ („Was macht eigentlich …?), und die Rubrik „Für die Ewigkeit“ ist nur ein Beispiel für vieles, was an „Jetzt“ erinnert – und daran, dass die ehemaligen „Jetzt“-Macher mit „Neon“ doch Vergangenheitsbewältigung betrieben haben.

Morgen: Tagesspiegel-Redakteurin Christine-Felice Röhrs, 29, gehört zur Zielgruppe von „Neon“ und bespricht das Heft.

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