Verleger : Auf der Suche nach Pathos

„What’s new Pussycat?": Hubert Burda präsentiert ein Buch über seine Zeit als „Bunte“-Chef. Nur wer sich dem Zusammenprall von Hoch- und Trivialkultur aussetze, sei wirklich modern.

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Freundschaft – Friendship. Hubert Burda (rechts) und Andy Warhol 1983 vor Warhols Arbeit, für die der Popkünstler Titelblätter der „Bunten“ nutzte.Foto: Burda Medien
Freundschaft – Friendship. Hubert Burda (rechts) und Andy Warhol 1983 vor Warhols Arbeit, für die der Popkünstler Titelblätter der...Foto: Hubert Burda Media

Er hat Proust auf Französisch gelesen und in Kunstgeschichte promoviert. Fast wäre Hubert Burda Professor geworden, wenn nicht sein Vater etwas anderes in ihm gesehen hätte. Also hat der Sohn den „People-Journalismus“ erfunden. Am Freitagfrüh stellte der Verleger im „Adlon“ sein Buch „Die Bunte Story. Ein People-Magazin in Zeiten des Umbruchs“ vor. Die Kräche mit dem Vater Franz Burda, die seiner Zeit als Chefredakteur vorausgegangen sind, deutet er nur an. Freilich hat der Vater, als er den Sohn in die Verlagsbranche drängte, wohl nicht ganz falsch gelegen. Burda ist heute Eigentümer eines Konzerns, der 2,1 Milliarden Umsatz macht, 50 Prozent davon mit digitalen Medien.

Die Zeit als Chefredakteur sei vielleicht doch die schönste gewesen in seinem im Formel-1-Tempo gelebten Leben, sagt er rückblickend. Im März 1976 übernahm er die Chefredaktion von „Bunte“. Die intellektuellen Freunde des in den 60er Jahren von seiner Familie als eher links eingestuften Verlegersohns reagierten kritisch auf dessen Einstieg in die „Yellow Press“. Er blieb seinen intellektuellen Ambitionen dennoch treu und ließ sich von Andy Warhol inspirieren. Es war die Zeit, in der die Selbstinszenierung zur Kunstform wurde, eine Grundbedingung für die Entstehung dessen, was man heute auch auf Deutsch „Celebrity Kultur“ nennt. Die 15 Minuten Ruhm, die jeder in seinem Leben erfahren kann, waren ein Ausgangspunkt. Das Privatfernsehen verstärkte Anfang der 80er Jahre den Trend.

Damals habe es Journalisten gegeben, die gut schreiben konnten, und solche, bei denen das nicht der Fall war, erzählt Burda, und dass er sich selber zu den letzteren zählte. Aber er hatte ein Gespür dafür, gute Leute zu finden. Will Tremper, heute eine Journalistenlegende, begeisterte ihn Mitte der 70er Jahre so sehr, dass er ihm vorschlug: „Komm doch für ein paar Wochen mit nach Offenburg.“

Redaktionskonferenzen begannen damals mit dem Satz: „What’s new Pussycat?“ Leutegeschichten mussten her. Gleich am Anfang seiner Ära als Magazinchef, kam die Nachricht, dass die Münchner Olympiahostess Silvia Sommerlath Königin von Schweden werden würde. Erst Jahre später verzieh die Königin, was damals alles in der „Bunten“ gestanden hatte. Nicht alles stimmte, was ins Blatt gelangte: „Aber die Gerüchte waren heiß.“ Parallel sollten Interviews mit Staatsmännern wie Ronald Reagan die „Bunte“ bei den Meinungsführern etablieren. Leicht war es nicht, aber Simon & Garfunkel hätten ihn gerettet. Nonstop hörte Burda damals den Song „I am a Rock“. Auch andere Lieder waren ihm wichtig: Elvis Presley’s „Don’t be cruel“ oder „Father and Son“ von Cat Stevens zur Konflikttherapie. Und natürlich „Let’s all go to San Francisco“, aus seiner Sicht die Fanfare für die Generation Bill Gates, eine ganz neue Welt zu schaffen.

Der große Umbruch war schon zu ahnen, als er 1986 die Chefredaktion abgab. Längst waren Boulevardkoryphäen wie Franz Josef Wagner gefunden, die nun die wilderen Leutegeschichten anbrachten. Seit Mitte der 90er Jahre führt Patricia Riekel das Magazin weniger krawallig, aber sehr erfolgreich. Zu erkennen, „ob ein Mensch Pathos in sich hat“, das ist Burdas Erfolgsrezept bei der Suche nach den richtigen Machern.

In Kalifornien studierte er, was die Helden der digitalen Revolution in Gang gesetzt hatten, und startete eine Konferenz über digitalen Lifestyle und Design in Deutschland. Vor drei Jahren kündigte ihm Ehefrau Maria Furtwängler einen Gast zum Abendessen an, der auf dieser Konferenz sehr bewundert worden sei. Der Gast erschien aber nie bei Tisch, sondern verbrachte die Zeit lieber mit den Kindern Jacob und Lisa und deren Freunden im Alter zwischen 16 und 19 Jahren. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg verließ nach einem höflichen, aber kurzen Abschied bei den Eltern Burda dann eilends das Haus. Er hatte lediglich herausfinden wollen, wie die Jungen Facebook nutzen.

Vielleicht hat Zuckerberg gespürt, dass Burda, nach wie vor „ein tiefer Anhänger von Print“ ist, wie er selber sagt. Am Flughafen ist er immer eine Viertelstunde zu früh, um zu beobachten, mit welchen Zeitschriften und Zeitungen sich die Leute am liebsten identifizieren.

Bei einer Ausstellung im „Museum of Modern Art“ in New York entdeckte der Verleger 1990 sein Lebensthema. Sie hieß „High and Low“ und zeigte, wie in der modernen Kunst Hoch- und Trivialkultur aufeinander wirken. Nur wer sich dem Zusammenprall aussetze, sei wirklich modern. Borniert werde, wer nur eine Seite für sich beansprucht. Diese Spannung auszuhalten, hat sich für Hubert Burda nicht nur finanziell gelohnt: „Mein Leben war immer aufregend.“

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