Medien : Verliebt in München

Noch eine Telenovela: Der junge Kino-Produzent Christian Becker dreht mit „Lotta in Love“ eine Schnulze im typischen Pro 7-Look

Simon Feldmer

Einfacher könnte die Erklärung nicht sein. „Junge Leute schauen halt gerne Telenovelas“, sagt der neue Pro 7-Chef Andreas Bartl. Vor allem muss es offenbar eine Riesengaudi sein, in einer Telenovela mitzuspielen. Eine Horde wild frisierter Jungdarsteller sitzt im Münchner Schickiclub „Pacha“, trinkt Prosecco oder spanisches Bier und schaut die erste Folge von „Lotta in Love". Die Sender-Mitarbeiter wuseln aufgeregt durch die Menge. Einige Journalisten sind da. Annett Louisan singt ihren Titelsong zur Serie noch mädchenhafter als erwartet in die Runde. Und die wild frisierten Telenovela-Helden grölen, wenn sie ihren Lieblingskollegen auf dem Bildschirm erkennen.

In der Mitte der Runde strahlt die blonde Hauptdarstellerin Janin Reinhardt in ihrem schwarzen Kleid mit Kätzchenmuster jene Unbekümmertheit aus, mit der sie sich mit 24 Jahren vom Viva-Girl zur Lotta aufgemacht hat. „Wir sind alle mit viel Herzblut dabei“, wird sie später auf der Bühne sagen und dabei wirklich wahnsinnig süß lächeln. Bei Pro 7 glauben alle „superfest“ an ihren verspäteten Einstieg ins Telenovela- Geschäft. Das müssen sie auch, denn es gibt aktuell sicher tollkühnere Ideen, als eine weitere seifige Alltagsstory an diesem Montag ins Programm zu heben: Die Geschichten um Laura, Julia, Tessa laufen bei ARD, Sat 1, ZDF. Aber die jungen Leute, genau, die schauen halt gerne ... . Die Sat 1-Variante „Verliebt in Berlin“ erreicht teilweise bis zu fünf Millionen Zuschauer.

Da wollte man im Schwestersender Pro 7 angesichts einer schlimmen hauseigenen Quotenmisere dann doch nicht länger untätig zusehen. Kurz nach seinem Amtsantritt verlegte Bartl die Bildschirm-Premiere von Frühsommer auf März. Erst im Februar begannen die Dreharbeiten auf dem Bavaria-Filmgelände im Münchner Süden. Selbst Sat 1-Chef Roger Schawinski leistet Schützenhilfe und ließ in den vergangenen Tagen einige „Lotta“-Darsteller bei „Verliebt in Berlin“ auftreten.

„Lotta in Love“-Produzent Christian Becker will sich an der Sat 1-Vorlage messen lassen. „Wir sind sehr stolz, dass wir qualitativ mithalten können“, sagt der 33-jährige Chef der Rat Pack-Filmproduktion, der die Serie zusammen mit Anita Schneider und Nina Maag produziert. Auch der ehemalige „Marienhof“-Produzent Michael von Mossner wurde ins Team geholt.

Becker selbst kann man ohne Übertreibung zum Hoffnungsträger von Pro 7 erklären. Am vergangenen Montag ging dort mit der „Märchenstunde“ bereits eine Rat Pack-Produktion auf Sendung. Zwar kommen die in Prag gedrehten Märchen-Plots nur selten über ihren originellen Ansatz raus, „Rotkäppchen“ oder „Rumpelstilzchen“ mit deutscher Comedybesetzung im Monty-Python-Stil zu erzählen. Da schlägt nicht jedes Böse-Wolf-Witzchen ein. Doch die Einstandsquote am vergangenen Montag war mit 28,7 Prozent Marktanteil in der Senderzielgruppe enorm. An diesem Montag läuft um 20 Uhr 15 eine weitere Märchenstunde mit, Überraschung, Janin Reinhardt als „Rapunzel“.

Als Lotta wird sich die Erfurterin dann schon zwei Stunden vorher bekannt gemacht haben. In der ersten Folge gewinnt das junge, schüchterne Ding, deren Eltern eine Wäscherei betreiben, im Radio Karten für ein Popkonzert. Dort wird Lotta durch eine Verwechslung mit dem Popsternchen Alex plötzlich zum Star-Double. Mit ganz großem Mut kämpft sie sich von nun an durch die Welt der Plattenbosse und die erste Liebe zum Bandgitarristen. In der Telenovela-Liga gibt so eine Rahmenhandlung locker Stoff für 200 Folgen her, erst mal.

Janin Reinhardt spielt die Rollen von Lotta und Alex. Und sie ist mit ihrem Mädchencharme „ein Glücksfall für die Serie“, findet Produzent Becker. Vor einem Jahr ist der Rat Pack-Chef „fast durch Zufall“ in die Telenovela-Ausschreibung von Pro 7 gestolpert. Dass er mit seiner Firma als „Nicht-Studio“ den Auftrag bekommen habe, freue ihn, sagt er. Die bisherige Telenovela-Schwemme wurde ausschließlich von großen Produktionsfirmen wie der Grundy UFA oder der Bavaria gestemmt. Becker sitzt in seinem Büro in einer übersichtlichen Altbauwohnung in München, trinkt Red Bull am Morgen und zappt sich mit großem Einsatz durch „Lotta“- und „Märchenstunden“-DVDs. Auch erste Demosequenzen des im Juli anlaufenden Kinofilms „Hui Buh – Das Schlossgespenst“ mit Michael „Bulli“ Herbig, Heike Makatsch und Christoph Maria Herbst flimmern über den Bildschirm. Die Zehn-Millionen-Euro-Investition ist die größte Rat Pack-Produktion bisher.

Doch Becker bewegt schon länger millionenschwere Filmbudgets. Bereits während seines Studiums an der Filmhochschule gründete er seine erste Produktionsfirma. Heute arbeitet er mit der Rat Pack als Minderheitsgesellschafter unter dem Dach der Münchner Constantin Film AG. Während die Constantin die Bank für Beckers Projekte spielt, kann er sich voll auf seine Leidenschaft, Stoffe zu entwickeln, konzentrieren. Schon in jungen Jahren zählt der gebürtige Krefelder mit Filmen wie „Bang Boom Bang“, Helge Schneiders „Jazzclub“ oder der Edgar Wallace-Veralberung „Der Wixxer“ zur ersten deutschen Produzentenliga. Am Donnerstag läuft mit „Meine verrückte türkische Hochzeit“ erneut eine Rat Pack-Produktion in der Pro 7-Primetime. Viel Holz, für einen, der erst 1994 sein BWL- Studium für einen unbezahlten Praktikantenjob bei einer RTL-Produktion geschmissen hat. Der Vater ist Anwalt, die Mutter Hausfrau. Auf das Filmgeschäft muss man da nicht zwangsweise zusteuern. Doch Becker ist ein Geschichtenfresser, der sich selbst beim Telenovela-Glotzen für Kontrastspielereien oder versteckte Kulissen-Gags begeistern kann.

Bei allem Gemotze der anderen – für Becker sind Telenovelas eine „große Unterhaltungs-Disziplin". Mag sein. Das „groß“ sollte man aber besser streichen. Das Filmemachen nennt Becker das „Ausleben seines Fantums“, weil er mit Leuten zusammenarbeiten könne, die seine Jugend geprägt hätten. Die Lotta-Crew kann er da nicht gemeint haben. Aber die findet sich ja schon selbst dufte genug.

„Lotta in Love“, Montag bis Freitag um 18 Uhr, Pro 7

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