Verliebt, verlassen : Zwei-Personen-Welt

„Alle Anderen“ oder die Grausamkeit des Paar-Seins: Arte zeigt den grandiosen Film mit Birgit Minichmayr und Lars Eidinger, Mit-Gewinner der Berlinale 2009.

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Problem oder Appetithappen? Für Chris (Lars Eidinger) verkörpert seine Freundin Gitti (Birgit Minichmayr) beides.
Problem oder Appetithappen? Für Chris (Lars Eidinger) verkörpert seine Freundin Gitti (Birgit Minichmayr) beides.Foto: SWR/Florian Braun

„Ich hab solche Angst, dich zu verlieren“, sagt Gitti. „Was willst du jetzt hören? Ich liebe dich?“, fragt Chris. Das folgende „Bitte verlass mich nicht“ lässt er gerade so lange im Raum stehen, dass sie Hoffnung schöpfen muss, er könnte es ernst meinen. Dann lässt er sie auflaufen. War bloß eine ironische Frage.

Warum ist alles so mühsam geworden zwischen den beiden? Eben war es noch ein unbeschwerter Urlaub auf Sardinien. Im Ferienhaus haben sie sich geliebt und herumgealbert wie kleine Kinder, ungestört und unbefangen zwischen den Landhausmöbeln und kitschigen Keramiksammlungen von Chris’ Mutter.

„Alle Anderen“ lief 2009 im Wettbewerb der Berlinale und brachte Regisseurin Maren Ade und Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr jeweils einen Silbernen Bären ein. Lars Eidinger, bekannt als prominentes Ensemblemitglied der Schaubühne, ist ihnen ein ebenbürtiger Partner. Das alltäglichste Sujet – junges Paar in Beziehungskrise – behandelt der Film mit einer Präzision, dass aus dem scheinbaren Stillstand großes Kino wird.

Wie Insekten unter der Lupe beobachtet Maren Ade (Buch und Regie) Gitti und Chris, beide Anfang dreißig, beim Ringen um ihr Selbstbild, ums Erwachsenwerden. Sie nimmt sich Zeit, um die subtilen Verschiebungen, die man so schwer greifen kann, ins Hundertfache zu vergrößern – keine Dialogzeile ohne doppelten Boden. Anfangs muss man etwas Geduld aufbringen, um sich auf das Tempo einzulassen, doch je länger man dranbleibt, desto spannender wird es.

Gitti, PR-Frau im Popmusikgeschäft, ist kindlich, geradeheraus und laut. Manchmal wäre sie gerne anders, weil sie dann vielleicht besser zu Chris passen würde. Der stammt aus wohlhabendem Elternhaus, ist Architekt und gibt sich alle Mühe, seine Unentschlossenheit als Kompromisslosigkeit zu verkaufen. Im Beruf kommt er nicht weiter, weil er ästhetische Zweifel kultiviert, anstatt mal irgendwo anzufangen. Am liebsten will er ein großer Junge mit schlunzigem Haarschnitt bleiben; die Tonsur am Hinterkopf sehen ja nur die anderen.

Die unterschwellige Anspannung beginnt zu knistern, als Gitti Chris liebevoll, aber zielsicher vorhält, wie er in seiner Pose verharrt, um dem Leben aus dem Weg zu gehen. Wie er über jede Geschmacksverirrung erhaben ist, aber zu spießig, um mit flüchtigen Urlaubsbekanntschaften Motorboot zu fahren. Chris wechselt sofort das Thema – und zwar so, dass es ihr weh tut. So schnell kriegt man einen wie ihn nicht dazu, in den Spiegel zu schauen. Als sein ehemaliger Studienkollege Hans (Hans-Jochen Wagner) und dessen schwangere Freundin Sana (Nicole Marischka) auftauchen, schiebt er sie zwischen sich und Gitti.

Besonders das Zusammentreffen der beiden Paare ist atemberaubend genau beobachtet und gespielt. Hans, etwas älter und besser gestellt als Chris, ortet ständig den besten Platz für sich als Leithammel; Sana, als Modedesignerin eigentlich erfolgreicher als er, ordnet sich ihm dauerlächelnd unter. Chris fügt sich in die Rolle als zweiter Mann. Das wäre jetzt der Moment, wo Gitti anders sein müsste als sie ist, damit alle miteinander „erwachsene Paare“ spielen könnten.

Es wäre wohlfeil zu sagen, „Alle Anderen“ rechne mit den Anfang Dreißigjährigen ab. Wer sich jemals gefragt hat, wo seine Beziehung hakt, sich hinter einer Fassade verstecken wollte, wer klamme Treffen mit anderen Paaren kennt, der wird sich in diesem Film wiederfinden. Wenn im Abspann Cat Stevens „How can I tell you that I love you?“ singt, weiß man schon längst nicht mehr, ob die Liebe hält, wann sie bricht, wohin sie führt. Die Suche geht weiter. Susanna Nieder

„Alle Anderen“, Arte, 20 Uhr 15.

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