Verlinkte Verräter : Wikileaks: Verrat auf Nummer Sicher

Die Kundus-Affäre, der Staatsbankrott, das Foltergefängnis. Alles Geheimsache. Bis interne Dokumente bei Wikileaks auftauchen. Woher sie stammen? Unbekannt. So ist das Internetforum zu einer Enthüllungsmaschine geworden.

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Ingolfur Sigfusson, Redakteur beim isländischen Fernsehen, ist eher der zurückhaltende Typ. Doch wenn er über dieses Wochenende im vergangenen Juli erzählt, dann blitzen seine Augen und die Erinnerung an den Triumph lässt ihn lächeln. Es war „mitten in der Nacht“ zum Freitag, als ihn ein Freund per E-Mail alarmierte. Im Internet, schrieb er, seien Dokumente aufgetaucht, die Islands dramatische Bankenkrise in ein ganz neues Licht rücken würden. Demnach war die Kaupthing-Bank, deren Zusammenbruch das Land an den Rand des Staatsbankrotts geführt hatte, von ihren eigenen Aktionären mit Milliardenkrediten ohne Sicherheiten geplündert worden. Nicht in New York oder London, sondern unter Islands eigenen angesehen Geschäftsleuten waren die Verantwortlichen zu finden, und das mit Namen und präzisen Daten.

Den ganzen folgenden Tag arbeiteten Sigfusson und seine Kollegen an einem umfassenden Bericht für die abendliche Nachrichtensendung. Dann, fünf Minuten vor Sendebeginn, erließ die Bankenaufsicht ein Berichtsverbot. Mit der Begründung, es gelte die Bankkunden zu schützen, sollte die Anonymität der Täter gewahrt werden. Doch das Unterfangen erwies sich als zwecklos. Denn die Redakteure verwiesen ihre Zuschauer kurzerhand auf ihre Quelle. Man dürfe leider nicht berichten, erklärte der Nachrichtensprecher, aber zum Fall Kaupthing seien im Internet brisante Dokumente zugänglich und minutenlang prangte eine Netzadresse auf den Bildschirmen, von der bis dahin kaum ein Isländer je gehört hatte: www.wikileaks.org.

Zigtausende lasen die dort gespeicherten geheimen Bank-Memos und schon am Samstag starteten empörte Bürger eine Protestkampagne. „Diese Veröffentlichung war enorm wichtig“, meint Sigfusson. Seitdem sei klar, „dass hier nichts mehr vertuscht werden kann“. Schließlich müssten die Verantwortlichen damit rechnen, dass irgendjemand ihre Geheimnisse doch herausbringe, wenn er nur entsprechende Dokumente an diese Internetadresse schicke. „Für unser Land ist es ein Segen, dass es dieses Wikileaks gibt“, sagt auch die Abgeordnete Birgitta Jonsdottir, die für die neue Bürgerbewegung spricht.

Das gilt nicht nur für Island. Ganz ähnliche Wirkung entfaltet die Enthüllungsmacht aus dem Netz auch in zahlreichen anderen Staaten. Möglich gemacht hat dies eine kleine Gruppe von nur fünf Aktivisten und deren weltweites Unterstützernetzwerk, die sich dem Kampf gegen Zensur und Geheimhaltung verschrieben haben, wie noch nie jemand zuvor. Mit großer technischer Finesse und noch größerem Idealismus können sie mit ihrer Webseite Wikileaks etwas anbieten, was Journalisten nicht garantieren können: absolute Anonymität für jeden, der geheime Unterlagen veröffentlichen will.

Mal kommen so die geheimen Richtlinien für das Lager in Guantánamo ans Licht und offenbaren, dass die US-Regierung bewusst Gefangene vor dem Roten Kreuz verstecken lässt. Mal erfährt die Welt auf demselben Weg von einem Gutachten der britischen Ölfirma Trafigura, wonach diese mit der illegalen Deponierung toxischer Schlämme zigtausende Bewohner der Elfenbeinküste vergiftet hat. Dann wieder erscheinen auf der Webseite Papiere, die belegen, wie höchste Polizeioffiziere in Kenia in die Ermordung von Regierungsgegnern verstrickt sind. Und auch in Deutschland machte Wiki- leaks Schlagzeilen, zuletzt im vergangenen Dezember mit einem Report von Feldjägern der Bundeswehr, die schon einen Tag nach dem Bombenangriff in Kundus über Opfer in der Zivilbevölkerung berichtet hatten, während der Verteidigungsminister dies monatelang leugnete.

All diese und hunderte weiterer spektakulärer Enthüllungen der letzten drei Jahre von Peru bis Australien haben eines gemeinsam: Die Informanten, die Hinweisgeber oder „whistleblower“ wie sie in der englischsprachigen Welt heißen, wagten es nicht, sich direkt den Medien zu offenbaren, weil sie bei einer möglichen Enttarnung um ihren Job, ihre Freiheit oder sogar ihr Leben fürchten mussten. Dank Wikileaks können sie dennoch gefahrlos ihr Gewissen erleichtern oder ihre Anklagen in die Öffentlichkeit tragen. Diese Sicherheit, meint Alan Rusbridger, der skandalerfahrene Chefredakteur der britischen Tageszeitung „Guardian“, mache Wikileaks zu „einem enorm mächtigen Instrument“. Das werde weltweit „den Journalismus verändern“, erwartet Rusbridge.

Das klingt ein wenig übertrieben, aber gemessen an der Zahl der veröffentlichten Geheimdokumente ist das Projekt schon heute das erfolgreichste journalistische Unternehmen der Welt. Genau das habe er auch „von Anfang an“ erwartet, erzählt Wikileaks-Herausgeber Julian Assange ohne falsche Bescheidenheit. Assange, ein schlanker, hochgewachsener Australier in den Dreißigern mit teils schon ergrauten, halblangen blonden Haaren ist der Einzige aus dem über alle Welt verstreuten Wikileaks-Team, der öffentlich unter eigenem Namen auftritt. Ihm zur Seite steht für die Öffentlichkeit ein junger deutscher Informatiker mit Vollbart, der das Pseudonym „Daniel Schmitt“ nutzt, um seine Eltern vor unerwünschten Besuchen von Betroffenen und deren Anwälten zu schützen.

Die meiste Zeit des Jahres sind die beiden modernen Kosmopoliten auf allen Kontinenten unterwegs, um Unterstützer zu treffen oder für ihr Projekt zu werben. Diese Rolle verlieh ihnen in Island nach dem Kaupthing-Coup den Status von landesweit bekannten Helden – ein Umstand, den sie nun für ein weiteres Vorhaben nutzen, das sie seit Wochen in Reykjavik festhält: Die Insel im Nordatlantik soll „mit dem stärksten Gesetz zum Schutz der Presse und ihrer Quellen“ zu einer Schutzzone für Online-Medien aus aller Welt werden, die von Zensur bedroht sind, hofft Assange.

Er selbst nennt sich nur einen „Mitgründer“ des Projekts, an dessen Umsetzung auch chinesische Dissidenten, afrikanische Menschenrechtler und viele Helfer aus der globalen Gemeinde der Netzaktivisten gegen Internetzensur beteiligt sind. Doch im Gespräch offenbart sich schnell, dass Assange der Anstifter und die unbestrittene Führungsfigur des Unternehmens ist. Die Leidenschaft, mit Hilfe elektronischer Netzwerke geheime Vorgänge aufzuklären, begleitet ihn seit seinen Jugendjahren. Zwei Mal verurteilten australische Gerichte den studierten Physiker wegen eines Hackerangriffs auf US-Militärbehörden und wegen vermeintlichen Aufrufs zu Straftaten in einem von ihm herausgegeben Hacker-Magazin. Als einem der ersten Internetunternehmer Australiens verschaffte ihm dann der Dotcom-Boom einen guten Verkaufspreis für sein Unternehmen und damit wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die Idee für eine „whistleblower“-Website habe er mit Freunden schon seit 1999 diskutiert, erzählt Assange. Aber erst mit dem Preisverfall für den Netzbetrieb sei es bezahlbar geworden, die Infrastruktrur zu organisieren.

Die allerdings hat es in sich. Die Server des Wikileaks-Netzes sind über mehr als ein Dutzend Länder verteilt. Öffentlich bekannt ist nur die Einstiegsadresse, die bei einem Anbieter in Schweden angemeldet ist. Schon dort ist aber eine Software installiert, die jeden Seitenabruf und genauso die versandten Dokumente mit einem gewaltigen, nach militärischen Maßstäben verschlüsselten Datenstrom tarnt. Welche der Milliarden Datenpakete, die durch diesen Eingang strömen, womöglich ein Geheimdokument und welche lediglich Datenmüll enthalten, sei nicht zu unterscheiden, versichert Schmitt. Wer mögliche Absender enttarnen wolle, müsste also eine gigantische Datenmenge entschlüsseln, um überhaupt etwas zu finden. Das sei selbst für den weltgrößten Abhördienst, die amerikanische National Security Agency (NSA), nicht machbar, erklärt Schmitt. Niemand sei „besser vor Ausspähung geschützt als unsere Quellen“.

Die Tarnung ist aber nur der erste Schritt. Gleichzeitig tilgt eine Softwareroutine alle digitalen Spuren in den Dokumenten selbst, die auf den Urheber hinweisen. Anschließend sendet die Maschine die Dateien über eine Kette von Servern auf Datenspeicher, deren Standorte wiederum selbst nur wenigen Unterstützern bekannt sind. Gleichzeitig werden die Daten durch mehrere Staaten geleitet, deren Rechtsprechung besonderen Schutz gegen mögliche Kläger gewährt. So genießen in Schweden die Informanten von Journalisten – anders als in Deutschland – ein per Verfassung gesichertes Recht auf Anonymität. In Belgien darf die Kommunikation von Journalisten nicht abgehört werden. In den USA wiederum ist die Veröffentlichung selbst als Instrument der Meinungsfreiheit geschützt. Im Ergebnis ist Wikileaks überall und nirgends zu Hause und rechtlich nicht angreifbar.

Darum sind bisher schon weit über hundert Versuche, per Klage gegen eine Veröffentlichung vorzugehen, gescheitert. Am weitesten kam noch die Schweizer Privatbank Julius Baer. Als vor zwei Jahren Hunderte von Unterlagen bei Wikileaks erschienen, mit denen die Verwicklung der Bank in die Steuerflucht ihrer Kunden dokumentiert wurde, erwirkten deren Anwälte in Kalifornien die Sperrung des Adressnamens wikileak.org im internationalen Namensregister des Internets (Icann). Der Zensurversuch ging jedoch gründlich nach hinten los. Die Kläger hatten die Technik nicht verstanden. Die Seiten waren zwar über die Adressendung „.org“ nicht mehr zu erreichen, aber unter vielen anderen, die außerhalb der USA verwaltet werden. Diese verwiesen auf die eigentliche in Zahlen angegebene Netzadresse in Schweden. Der US-Sender CBS titelte deshalb kurzerhand „Freedom of Speech has a number: 88.80.13.160“ und im gleichen Tenor protestierten zahlreiche Bürgerrechtsverbände, sodass der Richter seine Sperrverfügung schließlich wieder aufhob.

Geradezu rührend war auch der Versuch des Bundesnachrichtendienstes, den Geheimnisverrätern die Bereitstellung eines BND-Dossiers über die Verstrickungen der Regierung des Kosovo mit der dortigen Mafia zu verbieten. Werde der Bericht nicht entfernt, werde dies „strafrechtliche Konsequenzen“ haben, drohte BND-Chef Ernst Uhrlau per E-Mail. Lakonisch fragte daraufhin der amerikanische Rechtsberater der Wikileaker, „auf welches Gesetz in welchem Land“ Herr Uhrlau sich denn bei seiner Forderung berufe. Die Antwort kam nie.

Der staatenlose, informelle Charakter der Robin Hoods des Geheimnisverrats birgt freilich auch eine Kehrseite: Ohne Zentrale und ohne rechtlich verantwortliche Personen, erscheint Wikileaks als eine Art Geheimorganisation, die für sich selbst nicht gelten lässt, was sie weltweit einfordert: Transparenz und öffentliche Kontrolle. Das weckt Misstrauen, zumal die Gruppe einem radikalen Konzept folgt: „In doubt we publish“, so laute das Prinzip, sagt Assange. Sprich: Wenn Dokumente irgendwie politisch relevant sein könnten, dann werden sie auch veröffentlicht, gleich, wem das nutzt oder schadet. Alles andere „wäre ja eine Zensur unserer Quellen“, sagt er zur Begründung.

Im Zweifel werden damit aber auch persönliche Daten öffentlich. So erschien der private E-Mail-Verkehr der US-Politikerin Sarah Palin bei Wikileaks, obwohl darin einiges stand, das niemanden etwas anging. Assange erschien die Veröffentlichung dennoch legitim, weil Palin über die private Mail-Adresse Regierungsgeschäfte betrieb und so die amtliche Aufzeichnungspflicht umging.

Aber könnte Wikileaks damit nicht auch für persönliche Diffamierung missbraucht werden? Und was geschieht, wenn Geheimdienste oder Kriminelle perfekt gefälschte Dokumente schicken und so das Projekt für ihre Zwecke instrumentalisieren?

Auf diese Fragen reagiert Assange sichtlich genervt und verweist auf die verlässliche dreijährige Praxis. Tatsächlich ist unter den bisher über eine Million „geleakten“ Dokumenten keines nachträglich als Fälschung entlarvt worden. Im Übrigen sei der von so manchem Journalisten erhobene Vorwurf der möglichen Instrumentalisierung „bloße Heuchelei“, kontert Assange. Schließlich würden sich „fast alle Medien“ ständig für Propagandazwecke benutzen lassen. Und selbst für die Geheimnistuerei und sein eigenes halb im Untergrund geführtes Leben, weiß Assange eine gute Begründung: Nur so seien die Quellen wirklich zu schützen.

Das sieht auch Guido Strack so, der Vorsitzende des deutschen „Whistleblower“-Netzwerks, das sich für Insider einsetzt, die Skandale aufdecken. Solange Hinweisgeber „nicht endlich gesetzlich vor Jobverlust, Schadenersatzklagen oder Verfolgung geschützt“ würden, gebe es „keine Alternative zur Geheimhaltung“.

Doch die Schattenexistenz, das sehen auch Assange und Schmitt, stellt langfristig das Überleben des ganzen Projekts infrage. Die Zahl der eingesandten Dokumente hat längst ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr nur mit Selbstausbeutung zu bewältigen ist. Zudem kostet allein der technische Betrieb an die 200 000 Dollar im Jahr. Würde die geleistete Arbeit halbwegs bezahlt, wäre es sogar drei Mal so viel. Über private Spenden kam bisher aber gerade mal ein Zehntel dieser Summe rein. Den Rest bestritten die Aktivisten aus ihren eigenen Ersparnissen.

Um Abhilfe zu schaffen, gingen die Wikileaker darum Ende Dezember für zwei Monate in Streik. Statt brisanter Dokumente finden Seitenbesucher seitdem nur die Zeile „Wir schützen die Welt, aber wer wird uns schützen?“ und den anschließenden Aufruf zu Spenden. Bis heute kamen so die Betriebskosten fürs laufende Jahr zusammen, die Seite soll diese Woche wieder „online“ gehen.

Für den nächsten Schritt setzt die Gruppe nun auf einen Zuschuss von einer halben Million Dollar, den sie bei einer amerikanischen Stiftung beantragt hat. Diese Summe soll jene Erweiterung ermöglichen, die das Projekt dauerhaft absichern könnte: Die größten Nutznießer von Wikileaks, die Medien, sollen zahlen. Dafür wollen die Geheimnisverräter Zeitungen und Sendern in aller Welt anbieten, auf ihren Webseiten gegen Gebühr einen „Wikileaks“-Knopf zu installieren. Potenzielle Hinweisgeber könnten dann darüber anonym ihre Dokumente gleich an das Medium ihrer Wahl weiterleiten, wo auch die Verarbeitung professionellen Journalisten überlassen wäre.

Gelöst wäre damit auch ein weiteres Problem. Viele Dokumente blieben trotz Veröffentlichung bei Wikileaks völlig unbeachtet, weil keine Redaktion die mühsame Auswertungsarbeit in einen Stoff investiert, der ihr nicht exklusiv zur Verfügung steht – ein Paradox der modernen Medienwelt, das Vordenker Assange mit der Abo-Gebühr überwinden will.

Gelingt außerdem auch noch das Island-Projekt mit dem „Freihafen“ für unzensierte Onlinemedien – und immerhin haben Abgeordnete aller fünf Fraktionen im Parlament bereits ihre Unterstützung signalisiert – dann könnte Wikileaks dereinst dort auch eine feste Adresse und regelmäßige Einnahmen haben, ohne millionenschwere Schadensersatzklagen fürchten zu müssen.

„Wenn wir es uns dann leisten können“, verspricht Assange den Kritikern der bisherigen Geheimhaltung, „dann schreiben wir auch brav Jahresberichte und Abrechnungen.“

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