Medien : Verlorener war Jack Nicholson nie

„Das Versprechen“: Sean Penns herausragende Verfilmung des Dürrenmatt-Stoffes „Es geschah am hellichten Tag“

Andreas Conrad

Der Truthahn gilt als das wohlschmeckendste Symbol des amerikanischen Familienglücks. Gut durchgebraten, darf er zu Thanksgiving auf keinem Esstisch zwischen Long Island und Honolulu fehlen. Ausgerechnet auf einer Truthahnfarm, in einem fast apokalyptisch anmutenden Stall voll kollernden Federviehs, muss Detective Jerry Black (Jack Nicholson) am Tag der Pensionierung einem Ehepaar das grausame Ende ihres Glücks mitteilen: Ihre Tochter wurde Opfer eines Kindermörders. Mehr noch: Die Mutter wird ihm, der doch soeben sein Arbeitsleben mit einer rauschenden Hawaii-Party beendet hat, das Versprechen abfordern, er werde den Täter stellen.

Der Stoff zu dem vor vier Jahren unter der Regie von Sean Penn gedrehten Thriller „Das Versprechen" wird dem deutschen Kinobesucher und besonders dem Fernsehzuschauer sehr bekannt vorkommen. Er geht zurück auf den 1957/58 entstandenen Kriminalfilm „Es geschah am hellichten Tag", mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe in den Hauptrollen. Der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt hatte das Drehbuch verfasst, kaum ahnend, dass er damit einen der nachhaltigsten Erfolge der bundesdeutschen Fernsehgeschichte begründen sollte. So waren 1978 bei der Ausstrahlung in der ARD 23 Millionen Zuschauer mit Rühmann alias Kommissär Matthäi dem Täter auf der Spur.

1997 machten sich Produzent Bernd Eichinger und Regisseur Nico Hofmann an ein Remake, diesmal mit Joachim Król als Kommissar. Wie bei seinem Vorgänger Rühmann war auch Króls kriminalistischer Spürsinn zuletzt erfolgreich: Der Täter tappte in die Falle, und alle eventuellen Skrupel, ob es zulässig ist, ein Kind als Köder zu benutzen, wurden vor dem Erfolg hinfällig.

Anders in „Das Versprechen". Detective Black, ein ausgebrannter Veteran, dem das Verfolgen seines Plans mehr und mehr zur selbstzerstörerischen Obsession wird, hatte zwar wieder den richtigen Riecher, das Versprechen wird er dennoch nie einlösen und den Mörder nicht fangen. Ein Autounfall kommt dazwischen.

Genau genommen ist Sean Penns Film, der die Geschichte aus der Schweiz der fünfziger Jahre ins verschneite Nevada der Gegenwart verlegt, kein reines Remake des Rühmann-Streifens, sondern auch die Verfilmung von Dürrenmatts Roman „Das Versprechen", mit dem dieser den Filmstoff weiterentwickelte und zu Ende dachte.

Mit dem RühmannWerk war Dürrenmatt, obwohl er es damals auf der Berlinale präsentierte, alles andere als zufrieden. Während der Dreharbeiten hatte er sogar in einem Interview erklärt, der Film werde sicher erfolgreich sein, sei aber wahrlich nicht von ihm, weder die Dialoge noch die Konzeption. Besonders die Schlussszenen wurden gegen Dürrenmatts Widerstand überarbeitet. Der Kommissar bekommt Skrupel, wird dem vertrauten Rühmann-Bild angenähert, der Film endet versöhnlich.

Wie von Dürrenmatt vorausgesagt, wurde er ein Kassenerfolg. Fünf weitere Neuverfilmungen des Stoffes folgten, die vorerst letzte ist die von Sean Penn. Wie das Original sollte auch sein Film 2001 auf der Berlinale laufen, wurde aber nach einem Filmrechtestreit zurückgezogen. Trost oder Wiedergutmachung? Jack Nicholson kommt mit „Was das Herz begehrt“ zur diesjährigen Berlinale und holt sich zugleich noch eine „Goldene Kamera 2004“ ab.

Zuvor aber in Sat 1 „Das Versprechen“: Trotz der Verlagerung des Stoffes nach Amerika kommt der Nicholson-Film der Konzeption Dürrenmatts näher als der Rühmann-Streifen. Dieser ließ noch den überragenden Intellekt des Kommissärs triumphieren, während Dürrenmatt mit „Das Versprechen" ein „Requiem auf den Kriminalroman" schreiben wollte, in ihm gar „eine Kritik an einer der typischsten Gestalten des neunzehnten Jahrhunderts" sah: dem Detektiv. Jack Nicholson spielt den Dürrenmatt-Detektiv, düster, grimmig, verloren. Regisseur Penn baut die Figur und ihren Fall zu einem Drama auf, das gerade durch seine langatmige Erzählweise unerträgliche Spannung bekommt.

Während Krimihelden wie Sherlock Holmes noch getragen wurden vom Vertrauen in die immer präziser erforschten Naturgesetze, die rational begreifbare Kausalität allen Seins, sieht der Skeptiker Dürrenmatt darin einen Irrglauben. „Der Wirklichkeit ist mit Logik nur noch zum Teil beizukommen", doziert Dr. H. in der Rahmenhandlung. So kippt der Kriminalroman um in ein philosophisches Traktat, führt die gescheiterte Überführung eines Kindermörders zu einem Leitgedanken im Dürrenmattschen Weltbild, den er wenige Jahre später in den „21 Punkten zu den Physikern" niederlegen sollte: „Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein."

„Das Versprechen“: 20 Uhr 15, Sat 1

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