Veronica Ferres im Interview : "Unsere Ansprüche an Politiker sind unmenschlich"

Anders in Frankreich wird Politikern in Deutschland keine Privatsphäre erlaubt, ärgert sich Schauspielerin Veronica Ferres. Im Sat-1-Film „Die Staatsaffäre“ schlüpft sie in die Rolle der Bundeskanzlerin.

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Kochen verbindet: Ebenso wie Angela Merkel hat die fiktive Bundeskanzlerin Anna Bremer (Veronica Ferres) eine Leidenschaft für die Zubereitung von Essen.
Kochen verbindet: Ebenso wie Angela Merkel hat die fiktive Bundeskanzlerin Anna Bremer (Veronica Ferres) eine Leidenschaft für die...Foto: Promo

Frau Ferres, Der Sat-1-Film „Die Staatsaffäre“ am Dienstagabend spielt vor allem im politischen Berlin. Aber wie politisch ist der Film?
Ich würde ihn nicht als politischen Film charakterisieren. „Die Staatsaffäre“ ist in erster Linie eine Liebeskomödie, in der ich als fiktive Bundeskanzlerin eine Affäre mit dem französischen Staatspräsidenten habe.

Die Bundeskanzlerin, die sie verkörpern, heißt Anna Bremer. Was verbindet die Film-Kanzlerin mit Angela Merkel?
Vor Jahren hatte mich Frau Merkel mit anderen Künstlern ins Kanzleramt zum Abendessen eingeladen. Da saß ich ihr gegenüber und habe sie einfach beobachtet. Sie ist eine Frau, die mit voller Leidenschaft hinter dem steht, was sie macht. Das hat mich sehr beeindruckt.

Das war nicht die einzige Begegnung mit der Kanzlerin.
In der ersten Drehwoche zur „Staatsaffäre“ habe ich sie wieder getroffen, bei einem Empfang der Filmakademie. Da habe ich sie noch einmal ganz anders beobachtet, weil ich ihr über die Wochen der Vorbereitung des Films sehr nahe gekommen bin. Angela Merkel ist rhetorisch unglaublich gut, auch wenn sie ohne Manuskript spricht, und wenn ihr Witz und Humor durchkommt. In der Politik ist das oft nicht gefragt. Aber ich finde es durchaus legitim, wenn man ernste Themen auch mal von einer humorvolleren Perspektive betrachtet, dann kommt man vielleicht auch leichter auf den Kern des Problems.

Haben Sie mit Frau Merkel über den Film gesprochen?
Ja, und wir hatten sie auch zu unserer Premiere eingeladen. Aber unter den derzeit angespannten politischen Verhältnissen ist es völlig verständlich, dass sie keine Zeit dafür hatte. Ich hätte mich natürlich sehr gefreut, zumal der Film Politiker eben mal nicht als Sündenböcke darstellt. Anna Bremer sagt in einer Szene, „ich bin mit diesem Land verheiratet“. Der Film zeigt, wie eine Politikerin, die die Verantwortung für ihr Land lebt, plötzlich aus der Bahn geworfen wird, weil sie sich verliebt hat.

Über die Affäre mit dem französischen Staatspräsidenten hat Angela Merkel gelacht

Hat Ihnen Frau Merkel Tipps gegeben oder gesagt, wie sie die Rolle nicht verstanden wissen möchte?
So ausführlich haben wir nicht gesprochen. Aber sie hat amüsiert reagiert, als ich gesagt habe, dass ich ihr derzeit auf eine ganz besondere Weise sehr nahe bin. Sie wollte dann auch wissen, wer den französischen Präsidenten spielt. Sie hat gelacht, als ich ihr erzählt habe, sie habe eine Affäre mit dem französischen Staatsoberhaupt. Sie sagte mir, dass sie am Nachmittag nach Rügen fahre und dort François Hollande treffe. Ich ließ ihn grüßen. (lacht).

Die Staatsfrau und der französische Staatspräsident. Im Sat-1-Film kommen sich Kanzlerin Anna Bremer (Veronica Ferres) und Staatspräsident Guy Dupont (Philippe Caroit) näher.
Die Staatsfrau und der französische Staatspräsident. Im Sat-1-Film kommen sich Kanzlerin Anna Bremer (Veronica Ferres) und...Foto: Sat 1

Wird sich denn die Bundeskanzlerin in dem Film wiederfinden?
Beim Kochen vielleicht, auch darüber haben wir uns unterhalten. Kochen ist ihr Hobby, bei dem sie ihren Alltagsstress kurzzeitig vergessen kann. Jetzt hat sie ja gerade zehn Kilo abgenommen. Meinen großen Respekt, ich weiß, wie schwer das ist.

Die Kanzlerin hat nicht allzu viel Gelegenheit für Privatheit.
Wir in Deutschland haben einen unmenschlichen Anspruch an unsere Politiker. Wir erwarten nicht nur, dass sie rund um die Uhr erreichbar sind. Wir erlauben ihnen auch kein wirkliches Privatleben. Das, was Hollande macht, oder Nicolas Sarkozy mit Carla Bruni gemacht hat, ist so, als hätte Angela Merkel eine Affäre mit Jan Josef Liefers oder Til Schweiger. Können Sie sich vorstellen, was in Deutschland los wäre? Solange man in Frankreich seine Arbeit macht, auch als Präsident, ist das Privatleben auch Privatsache. Wenn ein Politiker nachts mit dem Motorrad zur Geliebten fährt, berichten zwar die Medien darüber, aber das wäre kein Grund, ihn zu stürzen.

Also doch ein Film mit politischer Botschaft?
Vielleicht ja, aber ohne es wirklich zu wollen.

Veronica Ferres: "Ich halte nichts davon, mich für eine Partei zu engagieren."

Hatten Sie schon einmal politische Ambitionen?
Nein, nie. Ich wurde allerdings schon öfters gefragt, ob ich mich als Schauspielerin politisch für eine Partei engagieren könnte. Davon halte ich nichts. Als Schauspieler sollten wir neutral bleiben, um glaubwürdig unsere Geschichten erzählen zu können.

Oder geht es darum, dass man einem Schauspieler möglicherweise nicht vertraut, weil er nur eine Rolle spielen könnte?
Die Frage muss man nach Amerika stellen, wo ein Herr Reagan, Schwarzenegger und vielleicht nun ein Herr Clooney an der Macht sein wird. Mit den öffentlichen Auftritten haben die Berufe von Schauspielern und Politikern zwar eine Schnittmenge, aber für mich könnte ich mir das nicht vorstellen. Ich bin froh und dankbar, dass ich einen Beruf ausleben kann, der mir die Möglichkeit gibt, mich kreativ auszudrücken. Für mich entscheidend sind die Arbeiten am Set mit dem Regisseur, die Proben vorher. Ich bin wieder kurz vor einem neuen Film und aufgeregt wie ein kleines Kind.

Und man freut sich, wenn der Film erfolgreich ist.
Unsere Bundeskanzlerin so darzustellen, ist schon mutig. Ich sollte mir das gut überlegen, ob ich das machen will, hat mir meine Agentin geraten. Für mich ist der Film eine Geschichte über die Menschlichkeit und Fehlerhaftigkeit. Dass wir alle Schwächen haben, auch die Bundeskanzlerin. Dass sich Kanzlerin Bremer auf einem Weltwirtschaftsgipfel plötzlich in ihrer verletzten Weiblichkeit vergisst und mit dem französischen Staatspräsidenten eine persönliche Abrechnung anfängt, das ist das Leben.

Im Ausland sehen politische Serien wie „House of Cards“ oder „Borgen“ aus Dänemark anders aus. Ist so etwas in Deutschland nicht möglich?
„House of Cards“ ist eine geniale Dämonisierung der Politik. Die Macht und der Ehrgeiz lassen die Menschen, die an der Spitze stehen, über Leichen gehen. So eine großartige Vorlage lässt sich nur sehr schwer nachahmen.

Gestatten Sie mir zum Abschluss eine persönliche Frage: Carsten Maschmeyer und sie hatten angekündigt, dass ihre Hochzeit in diesem Jahr stattfindet. Gibt es inzwischen einen Termin?
Bei meiner ersten Hochzeit hatten wir nicht einmal meinem Vater gesagt, worum es ging. Und dann war es der Konditor der Hochzeitstorte, der die Yellow Press angerufen hat. Man hat immer Angst oder ist in Sorge, ob dieser so wichtige, bedeutungsvolle Tag auch tatsächlich privat bleibt. Ich bitte Sie also um Verständnis, dass ich mich dazu nicht äußern möchte.
Das Gespräch führte Kurt Sagatz

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