Medien : Verrisse aus Liebe

Die Kritikerin Klaudia Brunst will beim Fernsehen nicht abschalten

Harald Martenstein

Das Hauptproblem der Fernsehkritik bestand lange Zeit darin, dass die meisten Fernsehkritiker das Fernsehen eigentlich nicht mochten. Sie verachteten es sogar ein bisschen. Nur die allerbesten Kritiker hatten das Fernsehen ein kleines bisschen gern. Deswegen waren sie gut.

Die Grundlage für jede treffende Kritik, auch für den gelungenen Verriss, ist die Liebe zum Gegenstand. Nur, wer im Theater auch nur ein oder zwei Mal echte Glücksmomente erlebt hat, wird Theater sein Leben lang für wichtig halten und kann über schlechtes Theater glaubwürdig wütend werden. Mit dem Fernsehen verhält es sich genauso.

Klaudia Brunst ist eine Kritikerin, die das Fernsehen liebt. Sie ist damit aufgewachsen, offenbar glücklich. Wenn sie Klausjürgen Wussow den „Helden meiner Kindertage“ nennt oder Professor Grzimek den „Lehrmeister der Grünen Generation“, dann ist das nur halb ironisch gemeint. Für nicht wenige Kritiker ist Fernsehen auch heute noch lediglich ein Mittel zum Zweck, es soll aufklären, informieren, Sinn stiften. Für Brunst ist das Fernsehen zum Fernsehen da, Punkt, aus.

Bei dieser Gelegenheit muss noch einmal an einen Text aus der „FAZ“ erinnert werden, der vor einigen Wochen besorgt die Machtergreifung der Frau im deutschen Kulturbetrieb diagnostizierte. Tatsächlich regieren die Frauen nur in einer einzigen, kleinen Sparte, der Fernsehkritik. Beweis: Ponkie, Barbara Sichtermann und Klaudia Brunst, die drei wichtigsten Kritikerstimmen aus drei Generationen.

Weil sie gerne fernsieht, kann Klaudia Brunst so scharf und böse und genau darüber schreiben wie in ihrem neuen Buch „Leben und Leben lassen“. Es ist eine Sammlung von Vorträgen und Artikeln meist aus der „tageszeitung“ oder der „Berliner Zeitung“, die um das Thema Unterhaltung kreisen – Talkshows, „Big Brother“, „Lindenstraße", Tiersendungen. Alarmismus und Kulturpessimismus sind selbstverständlich nicht ihr Ding. Über „Big Brother“ schreibt sie ein cooles Tagebuch: „Ich verdiene gut an ,Big Brother’. Von der Auftaktsendung sind wir alle schwer enttäuscht. Kein noch so kleines Bröckchen Zynismus in Sicht.“ Zu den Glanzstücken gehört die Analyse des Fernsehduells zwischen Verona Feldbusch und Alice Schwarzer, das Brunst Bild für Bild seziert und mit einem lang zurückliegenden Duell zwischen Schwarzer und Esther Vilar vergleicht. Brunst beschreibt die Redeschlacht wie ein modernes Ritterturnier. Beide, Feldbusch und Schwarzer, sind als Medienfiguren „bis ins kleinste Detail determiniert“, ein „alternativloses Rollenspiel“ läuft ab, bei dem die Siegerin von vornherein feststeht, weil Schwarzers Feminismus nicht ironiefähig ist und sie es nicht schafft, ihre einzige Trumpfkarte auszuspielen, „verständnisvolle Mütterlichkeit“.

Es ist ein eher kleinteiliges Lese- und Herumblätterbuch. Noch ist es nicht das analytische und trotzdem unterhaltsame Grundlagenwerk, das man gerne irgendwann von ihr kriegen würde.

Klaudia Brunst: Leben und leben lassen. Die Realität im Unterhaltungsfernsehen. UVK Verlagsgesellschaft, München 2003. 271 Seiten, 24 Euro.

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