Medien : Verrückt nach Dr. House

Neurotischer Single sucht Liebe in Großstadt? Was bei neuen Fernsehserien funktioniert und was nicht

Markus Ehrenberg

Was wollen Frauen wirklich? Eine der spannenderen Fragen der Weltgeschichte wird in diesen Tagen um eine mediale Variante bereichert: Welche Serien, welche Stoffe, welche Figuren möchten Frauen im Alter zwischen 25 und 35 Jahren am liebsten im Fernsehen sehen? Anlass für diese Master-Frage für Marktforscher und Serienchefs: ein schlechter bis katastrophaler Verlauf von „Verrückt nach Clara“, der mit großem Aufwand produzierten deutschen Pro7-Serie am Donnerstagabend.

Dabei hatten sich das der Münchner Privatsender und Produzent Nico Hofmann („Sturmflut“, „Dresden“) zum Start vor vier Wochen so schön vorgestellt. Das Liebes- und Lebensgefühl der Ende Zwanzigjährigen in Berlin sollte eingefangen werden, eine junge Generation auf der Suche nach sich selbst, auch im Bereich der sexuellen Identität, gelebte bisexuelle Beziehungen. Kurz: Man ginge mit der Geschichte der Klatschblatt-Kolumnistin Clara Stern, die sich zwischen diversen Männern nicht entscheiden kann und ausgerechnet vom schwulen Mitbewohner ein Kind erwartet, deutlich weiter als alle anderen bislang da gewesenen Fernsehserien.

Die junge Generation sucht das oder sich selbst offenbar kaum. Sie hat „Clara“ wenig interessiert. 1,1 Millionen Zuschauer verfolgten den Start der Comedy-Serie. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen betrug der Marktanteil sechs Prozent. Die Quote fiel stetig, auch, als die Serie von der Primetime nach hinten auf 22 Uhr 15 verlegt wurde. Am vergangenen Donnerstag landeten die Marktanteile in einem für Privatsender fast nicht mehr sendefähigen, verwertbaren Bereich. Nachdem in der Vorwoche noch 840 000 Zuschauer dabei waren, blieben zuletzt 0,54 Millionen Fans hängen, ein katastrophaler Marktanteil von 2,2 Prozent. Bei den 14- bis 49-Jährigen ging es mit 390 000 Zuschauern und dem Marktanteil von 3,8 Prozent weiter nach unten. Ob das überhaupt noch fürs Staffelfinale reicht, ist nicht mehr sicher. Ein Absetzen von „Verrückt nach Clara“ erscheint nicht ausgeschlossen.

Beim Münchner Privatsender, der mit „Alles außer Sex“ als deutscher „Sex-and-the-City“-Version 2005 schon mal schlechte Erfahrungen machte, ist man etwas ratlos. „Verrückt nach Clara“, eine so genannte frauenaffin angelegte Serie, hatte kurioserweise beim männlichen Publikum zwischen 14 und 29 mehr Marktanteile als bei jungen Frauen. Aber was heißt das schon: frauenaffin. An Hauptdarstellerin Julia-Maria Köhler hat es sicher nicht gelegen. Möglicherweise sei Clara, die 29-jährige Protagonistin, nicht schlüssig genug, um Zuschauerinnen ähnlichen Alters anzusprechen, so eine Pro7-Sprecherin, anders als Carrie Bradshaw in „Sex and the City“. Bei der war das Ziel der Heldin über alle Wirrungen und Staffeln hinweg klar definiert: Mr. Big, der Traummann. Der Versorger. Und wen will Clara? Den Kumpeltyp, den Macho, den Softie, den Metrosexuellen, oder doch den Versorger? Wenn alles möglich ist, geht beim Zuschauer offenbar gar nichts mehr.

Zumindest nicht mehr die Geschichte „Neurotische Frau sucht Liebesglück in der Großstadt“. „Vielleicht haben die Leute diese Story ein Jahrzehnt nach ,Ally McBeal’ zu oft im Fernsehen gesehen“, vermutet Erfolgsautor David Safier, der nach seinem preisgekrönten „Berlin, Berlin“ mit „Zwei Engel für Amor“ im Ersten jüngst auch eine Enttäuschung erlebte, quotenmäßig. Die Vorabendserie wurde immerhin noch für den Grimme-Preis vorgeschlagen. „Verrückt nach Clara“ sei, so Safier, „toll produziert, sehr gut gecastet und klasse gedreht“, aber wahrscheinlich müsse man einfach mal konkreter über neue Ideen nachdenken.

Oder doch bislang da gewesene Formate ausbauen. Was das richtige Genre betrifft, können sich Marktforscher und neue Serienchefs wie Joachim Kosack bei Sat1 auf zwei Dinge verlassen: Krimi und Krankenhaus gehen immer. Da sind neben der heute startenden Vox-Serie „Close to Home“ (Kritik links), „Dr. House“ (RTL), „Grey’s Anatomy“, auch noch „Desperate Housewives“ (beide Pro7), obwohl das amerikanische Vorstadtleben nicht mehr als zwei Millionen Zuschauer sehen wollen, weniger als bei der ersten Staffel.

Der Rest, zuletzt 3,6 Millionen der 14- bis 49-Jährigen, sieht die Ärzteserie „Dr. House“ mit dem smart-knurrigen Hugh Laurie, die parallel zu „Desperate Housewives“ läuft. „Dr. House“ ist in diesen Wochen das Serienphänomen – und höchst frauenaffin: mit deutlich mehr weiblichen als männlichen Zuschauern. Möglicherweise, mutmaßte Laurie im Interview, verkörpert „Dr. House“, der selten Arztkleidung trägt, mit seinen provokativen Umgangsformen und außergewöhnlichen medizinischen Fähigkeiten vieles von dem, wie Männer sein wollen – oder sein sollen.

Das sind jedenfalls Erfolgsgeschichten, von denen deutsche Serien zurzeit nur träumen können. Die Quoten für „Verrückt nach Clara“ hätten den preisgekrönten Produzenten Nico Hofmann anfangs einen Schlag in die Magengrube versetzt, „meine schwerste Enttäuschung“, sagt er. „Vielleicht sei die Serie etwas zu sophisticated gewesen.“ Es sei schon ein Phänomen, warum „C.S.I.“ beliebig erweiterbar ist und Marktanteile jenseits der 25 Prozent holt, während deutsche Programme nicht einmal ansatzweise in Betrachtung kommen. Nach „Post Mortem“ (RTL) starten mit „Dr. Psycho“ (Pro7) und „R.I.S.“ (Sat1) demnächst dann auch zwei weitere, aufwendige deutsche Formate jenseits von Großstadtneurose, Klatschkolumne und Mr. Big. Und Nico Hofmann produziert für Pro7 „Unschuldig“, wie es jetzt heißt, in Starbesetzung.

Der Serienausblick: zweimal Klinik/Ärzte, zweimal Krimi. Keine Liebe.

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