Medien : „Versagen des Kommandos“

„New York Times“ hat ermittelt, wie es zu ihrer Fälscheraffäre kam

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Vergangene Woche ist er herausgekommen: der Bericht der so genannten Siegal- Kommission, der die Rolle der „New York Times“ in der Affäre um den Reporter Jayson Blair analysiert. Und der Bericht ist so gründlich, wie es dem Anspruch der Zeitung entspricht, die die beste der Welt sein will: 92 Seiten lang. Fazit: „Das Jayson-Blair-Debakel stellt ein Versagen von Kommunikation, Kommando und Disziplin dar.“

Doch die Krise beschränkt sich nicht auf den Fall des 24 Jahre alten Reporters, der zwischen 2001 und April 2003 in mehr als drei Dutzend Artikeln Zitate erfand, Fakten verdrehte und Lügen verbreitete. Der Kommissionsbericht liest sich bisweilen wie ein Blick in die Seele einer geschundenen Redaktion, in einen Ort mit 400 Redakteuren, der von Ehrgeiz und Leistungsdruck, Günstlingswirtschaft und Neid beherrscht ist.

Der Fall Jayson Blair alleine wäre kaum hinreichend gewesen, dass er Chefredakteur Howell Raines und seinem Stellvertreter Gerald Boyd das Amt gekostet hätte. Vielmehr entwickelte die Revolte der Unzufriedenen nach der Enthüllung von Blairs Missetaten eine nicht mehr aufzuhaltende Kraft. Als er endlich Anfang Juni die beiden Bosse feuerte, entschuldigte sich „Times“-Verleger Arthur O. Sulzberger Jr. denn auch dafür, dass er die Überspannung in der Redaktion so lange nicht wahrgenommen habe.

Verglichen mit seinem selbstverliebten Vorgänger Raines, wirkt der neue Chefredakteur Bill Keller, 54, geradezu bescheiden. Er ist eine Edelfeder, 1989 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. „King Calm Keller“ nennt ihn die politische Wochenzeitung „New York Observer“. In seiner Antrittsrede erwähnte Keller seinen gescheiterten Vorgänger zwar nicht mit Namen, aber jeder wusste, wovon er sprach, als er sagte: „Wir können die Redaktion nicht wie in einer endlosen Kriegsmission operieren lassen. Es gibt Geschichten, die einen journalistischen Blitzkrieg erfordern. Aber es gibt auch Stories, die Geduld, Unternehmensgeist und Handwerk benötigen.“ Außerdem, so sprach der neue Chef weiter, wolle er keine Reporter, die sich durch immerwährende Präsenz am Arbeitsplatz auszeichneten. Sie sollten vielmehr nicht vergessen, sich auch um ihre Familien und Freunde zu kümmern. So sprach Keller – allerdings nicht, ohne anzufügen: „Aber versteht mich richtig: Ich übernehme den Job nicht, um Verteidigung zu spielen. Ich bin nicht hier, um die Erwartungen zu senken, sondern um unsere Ambitionen hochzuschrauben.“

Zwei Tage nach seinem Amtsantritt verkündete Keller zunächst zwei wegweisende Personalien. Er ernannte die Washingtoner Bürochefin Jill Abramson und den stellvertretenden Chef vom Dienst John Geddes zu seinen Stellvertretern und setzte damit den Kurs zurück zu den Wurzeln fort. Beide sind langjährige, anerkannte Mitglieder der Redaktion. In den nächsten Wochen soll Keller gemäß der Empfehlung der Kommission zudem einen Ombudsman berufen: Zum ersten Mal in der 152 Jahre währenden Geschichte des Blattes wird damit ein so genannter Öffentlichkeits-Redakteur die Aufgabe erhalten, Leserbeschwerden über die Berichterstattung nachzugehen. Er ist mit dem Recht ausgestattet, jederzeit einen Report über die Missstände innerhalb der Zeitung ins Blatt zu drücken.

Raines glaubt bis heute, fast alles richtig gemacht zu haben. „Ich bin einfach auf die Landmine Jayson Blair getreten“, sagt er in einem TV-Interview. Der Sünder Blair wiederum hat nach nur dreimonatiger Pause neue Arbeit gefunden. Das Männer-Magazin „Esquire“ und die Frauen-Zeitschrift „Jane“ engagierten ihn für zwei Beiträge. Unter anderem gibt Blair Ratschläge, wie man am besten mit übermäßigem Leistungsdruck am Arbeitsplatz fertig wird. Die „New York Post“ zitiert ihn mit dem Tipp: „Wenn deine Chefs dich nicht in Ruhe lassen, fabuliere einen Bericht, fälsche Zahlen, erfinde Ergebnisse.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben