Medien : Verschwende deine Falten

Warum die Altherren-Boxkämpfe von Henry Maske und Stefan Raab so gut liefen

Marc Felix Serrao

Für Boxpuristen war spätestens am Freitagabend um kurz vor elf klar, dass dieses Wochenende schlimm werden würde. Mit einem feuerspuckenden Panzer fuhr der Fernsehmoderator Stefan Raab („TV total“, Wok-Weltmeisterschaft, Turmspringen, Stockcar-Rennen, Parallelslalom, „Schlag den Raab“, etc.) in die Kölnarena ein, die dünnen Ärmchen unter einem Flecktarnbademantel versteckt und die Haare unter der Mütze zu einem grotesken Irokesen rasiert. Zu den „Experten“, die von der quietschfröhlichen „Reporterin“ Johanna Klum befragt wurden, gehörten die ehemalige Pornodarstellerin Dolly Buster und der ehemalige Hitler-Darsteller Helge Schneider. Frau Buster lag zwar mit ihrem Tipp, dass Raab die Fliegengewichtsweltmeisterin Regina Halmich schlagen würde, ziemlich daneben. Aber gewonnen hat die 40-jährige „Killerplauze“ Raab trotzdem – bei den Zuschauern.

Durchschnittlich 7,74 Millionen Menschen schauten sich den Showkampf Raab – Halmich an. Zu Beginn der ersten Runde lag der Marktanteil bei 34,9 Prozent. Damit war Raab am Freitag Quotenkönig. Einen Tag später, ungefähr dieselbe Uhrzeit, kam der McDonald’s-Betreiber Henry Maske bei seinem Überraschungssieg gegen den Amerikaner Virgil Hill sogar auf 15,99 Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil von 63,1 Prozent entspricht. Damit lag der heute 43-jährige „Gentleman“ zwar rund 1,5 Millionen Zuschauer unter seinem ersten Kampf gegen Hill am 23. November 1996. Aber vor zehneinhalb Jahren war Maske ja auch noch ein junger Mann, der sein Geld ausschließlich mit Faustkämpfen verdiente.

Sicher, Boxen war schon immer ein Fernsehereignis, und spätestens seit Muhammad Alis wunderbar großmäuligen Pressekonferenzen Mitte der 60er Jahre weiß jeder, dass die Show zum Kampf dazugehört. Aber wie kommt es, dass ein Boxrentner wie Maske mehr Menschen anzieht als, sagen wir, der amtierende IBF- und IBO-Weltmeister Wladimir Klitschko? Dessen erste Pflichtverteidigung am 10. März verfolgten „nur“ 12,89 Millionen Zuschauer. War es nun die sadistische Vorfreude auf zwei saftige Niederlagen? Raab hatte nach seinem ersten Kampf gegen Halmich 2001 eine gebrochene Nase, und Maske sah nach seiner Niederlage gegen Hill ’96 aus wie ein chinesischer Faltenhund. Und dann war da noch die Erinnerung an Axel Schulz’ böse gescheiterten Comebackversuch im November 2006. Das Boxerische selbst kann es nicht gewesen sein. Nicht das eines schwabbeligen Mannes mittleren Alters, der vier Wochen lang eine der anspruchsvollsten Sportarten der Welt trainiert. Und auch nicht das eines 43-Jährigen, der zehn Jahre lang pausiert hat.

So wenig man Raab und Maske vergleichen kann, so ähnlich war der Anreiz, ihnen zuzuschauen. Beide Kämpfe hatten einen ausgesprochenen Eventcharakter: Am Freitag war es der „am härtesten arbeitende Mann im deutschen Showgeschäft“, wie Box-Ankündiger Jimmy Lennon Raab nannte; ein legendär ehrgeiziger Fernsehmacher, der bei jedem seiner eigenproduzierten Sport-Events selbst ins Rennen geht. Am Samstag dann Maske, der sich nicht nur nach dem Sieg im Schmuseclinch mit Gattin Manuela als Medienprofi bewies, sondern der vor dem Kampf mit mal unheilvollen, mal optimistischen „Bild“-Berichten geschickt eine Atmosphäre der Ungewissheit erzeugt hat. Das Publikum goutiert Neues. Würde Pro 7 Raab alle paar Wochen gegen eine Frau in den Ring schicken oder würde RTL weitere Boxrentner reanimieren – die Quoten würden rasch sinken.

Bislang können sich beide Sender glücklich schätzen. Aus dem Comedyclown Raab ist längst ein Unterhalter geworden, der dem Pro-7-Motto „We love to entertain you“ („Wir lieben es, Sie zu unterhalten“) Ehre macht. Ohne ihn wäre der Vorsprung, den die RTL-Familie beim jungen Publikum hat, deutlich größer: Im März 2007 kamen RTL, Vox, RTL II, Super RTL und n-tv bei den 14- bis 49-Jährigen auf 33,2 Prozent Marktanteil. Pro 7, Sat 1, Kabel 1 und N24 lagen indes nur noch bei 29,6 Prozent. Stefan Raabs Assistenzmoppel Elton sollte sich mit dem Begleichen seiner Box-Wettschuld – die Teilnahme am New Yorker Marathon – besser beeilen.

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