Medien : Verschwendet eure Jugend

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Von Christoph Amend

Wie es war, das „Jetzt“-Magazin?

Wer verstehen will, wie es dazu kam, dass aus einem Verlegenheitsprojekt das erste Jugendmagazin in Deutschland wurde, das Jugendliche ernstnahm, charmant und frech war und seine Leser nie mit einem plumpen Du anredete, der muss zunächst einmal erfahren, wie es war beim „Jetzt“.

Es war, als ob der liebe Gott jeden neuen Redakteur am ersten Arbeitstag beiseite nahm und sagte: Wir beide wissen, deine Jugend ist vorbei. Aber du bekommst eine zweite Chance. Du darfst wieder 17 sein. Aber du musst darüber schreiben. Mach’ das Beste draus.

Es ist kein Zufall, dass die meistgestellte Frage von Besuchern in den Räumen von „Jetzt“ lautete, wann die Redaktion eigentlich arbeite. Es gab da zum Beispiel ein Zimmer, indem nur ein riesiger Tipp-Kick-Tisch stand und sonst gar nichts. Dort traf man jederzeit Redakteure mit den kleinen Männchen in der Hand, den schwarz-weißen Ball fest im Visier. Schwierig war es auch frühmorgens, manche Redakteurin am Arbeitsplatz anzutreffen. Die eine oder andere erschien erst gegen mittag, eingehüllt in eine dicke Jacke und Sonnenbrille, die Spuren der Nacht verbergend.

Warum das hierher gehört?

Aus der Begeisterung für das echte Tipp- Kick, den Fußball also, entwickelte die Redaktion Mitte der 90er ihre Bundesliga-Sonderhefte. Und jene Redakteurinnen, die erst gegen mittag auftauchten, erfanden aus ihrem Lebensgefühl kurzerhand das Phänomen „Girlie“. Waren sie auch politisch? „Jetzt“ begleitete den Wahlkampf ’98 und porträtierte den ersten Toten der Anti-Globalisierungs- Bewegung, Carlo Giuliani.

So war es bei „Jetzt“, und in seinen besten Momenten strahlte das Heft genau dies aus: Es war so jung wie seine Leser, weil die Redaktion ein junges Leben führte. Denn das mit der zweiten Chance nahmen die Leute schon ernst. Sie lebten eine Jugend de luxe: Endlich kam man in die Clubs rein, die einen als Teenager draußen stehen ließen. Endlich konnte man die Popstars und Schauspieler und Schriftsteller treffen, die man schon lange bewunderte. Endlich durfte man all die schönen und hässlichen Geschichten aus der Schulzeit aufschreiben, ein freier Mitarbeiter ns Stuckrad-Barre schrieb über die unsäglichen Bücher, die in seinem Deutsch-Unterricht durchgenommen wurden. Heute sind seine eigenen Bücher Gegendstand des Deutsch-Unterrichts. Und manchmal, als etwa Heike Makatsch einen Sommer lang jeden zweiten Tag hereinkam, sich auf den Boden setzte und ihr Lachen durch die Redaktionsräume schallte, da dankte man dem lieben Gott für dieses Glück. Ach ja, in dieser Zeit schrieb Makatsch regelmäßig für „Jetzt“, und es gehörte zum guten Ton, dass sie als Autorin nicht prominent herausgestellt wurde. Sie gehörte zur Welt von „Jetzt“. Genauso wie es bei Benjamin Lebert war, der seinen ersten Text für „Jetzt“ schrieb.

Es ist kein Zufall, dass niemand bei „Jetzt“ verheiratet war oder Kinder hatte, die Redakteure waren fast alle in ihren Zwanzigern, also nur ein bisschen älter als ihre Leser, und was sie selber spannend fanden, kam ins Blatt. Das klingt ein wenig naiv und war es manchmal auch, aber genau das macht Jugend ja aus: Mit großen Augen durch die Welt gehen und staunen. Was aus dieser Naivität wurde? Schnell gewann „Jetzt“ sämtliche Auszeichnungen der Branche, von den Goldenen Nägeln des Art Directors Club, über den Axel-Springer- Preis und bis zum „Visual Lead“. Und als es zum ersten Mal den Titel „Magazin des Jahres“ gewann, konnte man ahnen, dass die Bildsprache der Fotografen, dieser Blick auf das Alltägliche, früher oder später in vielen anderen Heften der Republik zu finden sein würde.

Doch nicht nur die Bilder hatten ihre eigene Sprache. Die Geschichten, die „Jetzt“ erzählte, sollten ernsthaft mit den Träumen und Sorgen der 15- bis 25-Jährigen umgehen und doch einen leichten, nie anbiedernden Tonfall haben. Die Rubriken im Heft hießen „Nur für Jungs, nur für Mädchen“ oder „Lebenswert“, dort schrieben die Leser 25 Punkte auf, die ihren Alltag lebenswert machten – die Sprache der Jugend, eins zu eins. Platz 25 im aktuellen Heft: „Ha!“ sagen. Eine andere Rubrik lautete „Warten auf…“, und genau dieser Satz trifft bis heute das Lebensgefühl jedes Jugendlichen: Warten auf die erste große Liebe, auf den Führerschein, auf die Sommerferien… Wie es dazu kam? In der Runde von „SZ“-Journalisten, die Anfang der 90er das Konzept für ein Jugendmagazin entwickeln sollten, saß auch der heutige „SZ“-Lokalchef. Er kam zu jedem Treffen zu spät. Als er wieder einmal nicht erschien, sagt einer: „Immer dieses Warten auf…“

So ganz nebenbei entwickelte sich „Jetzt“ zu einer Journalistenschule, deren Arbeit jeden Montag veröffentlicht wurde. Ehemalige „Jetzt“ler sitzen heute beim „Spiegel“ und beim „Stern“, bei der „FAZ“ und drei von ihnen auch beim Tagesspiegel. Es gehört zu den traurigen Dingen, dass „Jetzt“ler überallhin wechselten – nur kein einziger in all den Jahren direkt zur „Süddeutschen“.

Junge Leser laufen allen Tageszeitungen davon, die „Süddeutsche Zeitung“ hatte als einzige eine Einstiegsdroge zu bieten – und Leser wissen, dass „Jetzt“ süchtig machen konnte. Deshalb ist dieser Tag ein trauriger Tag. Die große „SZ“ nimmt heute Abschied von der Jugend.

Der Autor war von 1996 bis 1999 Redakteur bei „Jetzt“.

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