Medien : Verschwörungstheorien

Im Streit um Österreichs „Krone“ wirft der Sohn des Zeitungsgründers dem Miteigner WAZ Verbindungen zur Mafia vor. Die WAZ kontert

Ulrike Simon

Die Auseinandersetzung zwischen Hans Dichand, Gründer der einflussreichsten österreichischen Tageszeitung „Krone“ und seinem Mitgesellschafter, der Essener WAZ- Gruppe, hat längst groteske Züge angenommen. Nun hat der Streit ein Ausmaß erreicht, das selbst in der österreichischen Medienbranche einmalig ist. Es geht um angebliche Verwicklungen mit der Atomlobby, der Balkan-Mafia und den politischen Erben der Tudjman-Regierung. Die WAZ wehrt sich.

Der Streit war im Februar eskaliert. Der 82-Jährige hatte eigenmächtig seinen Sohn Christoph als Chefredakteur der „Kronen-Zeitung“ installiert. Als die WAZ gegen die Inthronisierung protestierte, eröffnete Hans Dichand eine Schlammschlacht, in deren Verlauf in der „Krone“ zu lesen war, die WAZ sei ein „inkompetenter Mitinhaber“, der seinen „deutschen Einfluss“ ausweiten und Österreich die „Krone“ nehmen wolle. Zuletzt forderte Hans Dichand, der zudem an den Gewinnen der Zeitung mit 50 Prozent beteiligt ist, seinen monatlichen Vorabgewinn um 20 000 auf 739 000 Euro erhöhen. Die WAZ- Gruppe weigert sich mit dem Argument, er habe schließlich eine seiner Funktionen, die Chefredaktion, abgegeben. Auch Christoph Dichand fordert eine beträchtliche Erhöhung seines Gehalts sowie Pensionsansprüche. Mit Christoph Dichand bestand schon vor dessen Berufung zum Chefredakteur ein Anstellungsvertrag, sagte WAZ-Anwalt Daniel Charim am Freitag. Es sei nicht zwingend, das Gehalt wegen der Berufung zum Chefredakteur zu erhöhen, zumal er sich habe Verfehlungen zuschulden kommen lassen. Charim warf im Gespräch mit dem Tagesspiegel Christoph Dichand vor, seine Position für persönliche Interessen auszunutzen. So werbe er im Online-Auftritt „krone.at“ kostenlos für Unternehmen, an denen er selbst beteiligt sei. Tatsächlich führt ein Link von „krone.at“ zum Auktionshaus „One Two Sold“, an dem Christoph Dichand laut Charim 25 Prozent hält.

Im Bett mit internationalen Gangstern

Die Offenheit des WAZ-Anwalts hat Gründe. Die Familie Dichand hat noch schwereres Geschütz aufgefahren; die Bombe platzte am Donnerstag. Hans Dichand hat einen zweiten Sohn, Michael. Der 40-jährige Ex-Biolandwirt gab dem Branchenblatt „Der österreichische Journalist“ ein Interview. Darin behauptet er, nach monatelanger Recherche angeblich Beweise dafür gesammelt zu haben, dass die WAZ „mit international gesuchten Gangstern“ im „Bett“ liege. Die Essener würden, behauptet Michael Dichand, sämtliche Geschäfte in Kroatien über die Europa Press Holding abwickeln, an der angeblich eine Vereinigung mit dem Namen „Grupo“ beteiligt sei. Hinter dieser „Grupo“ stecke die Balkan-Mafia, die „politischen Erben der ultrarechten Tudjman-Regierung“, die laut einem „Geheimvertrag“ an allen WAZ-Aktivitäten auf dem Balkan „mit zumindest 25 Prozent beteiligt“ seien und somit sogar am größten serbischen Verlag Politika.

Dichand: WAZ soll Verträge einhalten

Pikant dabei ist, dass WAZ-Verlagsmanager Bodo Hombach unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) Balkanbeauftragter war und WAZ-Patriarch Erich Schumann trotz einer Spende an Helmut Kohl große Nähe zur SPD nachgesagt wird. Im Interview spekuliert Michael Dichand, „das Agieren da unten“ sei der Versuch, die Medienlandschaft „zu teutonisieren“. Hinter der WAZ stünde die von der deutschen Politik unterstützte Industrie mit ihren massiven Interessen am Balkan und den dort existierenden Rohstofflagern.

Christoph Rohner, Geschäftsführer von Europa Press und Vertreter der WAZ- Gruppe in Kroatien, erklärte, ein Unternehmen „Grupo“ sei in Kroatien nicht bekannt, die Eigentümer von Europa Press seien zu je 50 Prozent die WAZ und „Herr Ninoslav Pavic“. Gegen Pavic habe es zwar staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen Verbindungen mit „zwielichtigen Unternehmen“ gegeben. Aber „die Verfahren sind alle mangels Hinweis auf strafbare Handlungen eingestellt worden“. Auch der WAZ-Repräsentant in Österreich, Friedrich Dragon, langjähriger „Krone“-Chef und erklärter Dichand-Gegner, äußerte sich: „Dies ist eine unvorstellbare Verleumdung; der Vater und Hauptgeschäftsführer Hans Dichand ist aufgefordert, sich sofort dazu zu äußern; der Vorgang ist von hoher strafrechtlicher Relevanz.“ Anwalt Charim sagte am Freitag, es würden alle juristischen Möglichkeiten ausgeschöpft, an den „sehr schweren Vorwürfen“ sei „überhaupt nichts dran“,

Michael Dichand, der behauptet, noch mehr Munition zu lagern, macht aus seinen Motiven keinen Hehl. Dem „Österreichischen Journalist“, dessen Chefredakteur sich im Editorial von den Vorwürfen distanziert, sagte er: „Ich habe mir gedacht, das kann doch nicht wahr sein, dass man meinem Vater die Zeitung wegnehmen will.“ Friedlich zu lösen sei der Streit mit der WAZ nur, wenn sich die Essener „an bestehende Verträge“ hielten. Sie hätten „den Entscheidungen meines Vaters als Hauptgeschäftsführer zuzustimmen“. Er droht: „Ich könnte mir vorstellen, dass der Herr Schumann einsieht, dass er sich nicht korrekt verhalten hat. Und wenn er weiter streitet, wird das die ganze Welt wissen und irgendwann einmal wird es ihm unangenehm sein“.

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