Verstörung : Lauter als Bomben

Zensur oder Jugendschutz? Ein grandioser Münchner „Polizeiruf 110“ mit dem neuen TV-Ermittler Matthias Brandt soll ins Spätprogramm verschoben werden.

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Zu intensiv. Kommissar von Meuffels (Matthias Brandt) und Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) überleben das Bombenattentat in einem Münchner Fußgängertunnel. Foto: BR
Zu intensiv. Kommissar von Meuffels (Matthias Brandt) und Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) überleben das Bombenattentat in einem...Foto: Bella Halben

Man muss sich den Jugendschutzbeauftragten eines Fernsehsenders nicht unbedingt als glücklichen Menschen vorstellen. Tag für Tag, Woche für Woche, hält er medialen Unbill von Schutzbefohlenen fern. Mancher Mist, manche Szene muss angeschaut werden, kommt erst gar nicht zur Ausstrahlung, gerade auch beim Sonntagabend-Krimi im Ersten. Dass „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ unter besonderer Beobachtung stehen, wird in diesen Tagen wieder deutlich. Die ARD will eine „Polizeiruf“-Folge mit dem neuen Kommissar Matthias Brandt und dem Titel „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ nicht zur üblichen Zeit ausstrahlen, sondern aus Gründen des Jugendschutzes erst am späten Abend, frühestens ab 22 Uhr. Ursprünglich sollte die Folge am 25. September um 20 Uhr 15 laufen. In dem Krimi verübt ein Selbstmordattentäter einen Bombenanschlag in der Nähe eines voll besetzten Fußballstadions.

Freiheit der Kunst! Zensur! Rufen die einen. Nur zu verständlich, sagen andere. Zunächst einmal, dieser „Polizeiruf 110“ hat es in sich. Der erste Tote, ein Verdächtiger, schon nach vier, fünf Minuten, mit viel Blut hinter sich an der Wand. Hilflos steht der Kommissar davor. Es folgt eine Bombe im Fußgängertunnel, direkt dran an der voll besetzten Münchner Allianz-Arena. Eine Explosion, umherfliegende Mauerstücke, Tote, Verschüttete, umherirrende, schreiende Verletzte. Ein auf dem Boden liegendes Kinderfahrrad. Terror und Verzweiflung, gefühlte zehn Minuten lang.

Das will die Jugendschutzbeauftrage des Bayerischen Rundfunks, Sabine Mader, nicht in der Primetime sehen, und mit ihr auch nicht BR-Fernsehdirektor Gerhard Fuchs. Was beiden zuletzt viel Ärger eingebracht hat. „Ich bin einer Empfehlung der Jugendschutzbeauftragten gefolgt, den Film erst nach 22 Uhr auszustrahlen. Diese war zu dem Urteil gelangt, dass eine Vielzahl realitätsnaher und intensiver Sequenzen bei einem Sprengstoffanschlag sowie die durchgängige, auch durch den dominanten Schauplatz eines dunklen Tunnels erzeugte, bedrohliche Grundstimmung des Films Jugendliche unter 16 Jahren nachhaltig verängstigen könnten“, sagt Fuchs dem Tagesspiegel. Beinahe während des gesamten Films drohe eine zweite Bombe zu explodieren. „Zu der Entscheidung, die ich nach Ansicht des Films getroffen habe, stehe ich.“ Eine Verschiebung der Sendezeit sei keine Zensur. Es handle sich vielmehr um eine Entscheidung zum Schutz von Kindern. Ein späterer Sendetermin werde beidem gerecht, der Freiheit der Kunst und dem Jugendschutz, so Fuchs, der den Krimi selbst als künstlerisch herausragend bezeichnete.

So weit, so gut? Wer den Krimi gesehen hat, wird sich an kaum einen besseren, einen spannenderen erinnern, vielleicht auch an kaum einen derart zeitgemäßen. Unter Krimi-Fans und Schauspielern wird oft geklagt über die Fantasie- und Mutlosigkeit vieler öffentlich-rechtlicher Krimi-Redaktionen, die ständig die gleichen, vertrauten „Tatort“-Schablonen auf den Weg schieben. Da wagen die BR-Redakteurin Cornelia Ackers und Autor Christian Jeltsch mal etwas, und dann muss es im Spätprogramm verschwinden. Was dieser Produktion definitiv vier, fünf Millionen Zuschauer kosten wird. Ganz zu schweigen davon, dass es einem neuen Format mit seinen neuen Ermittlern Matthias Brandt und Anna Maria Sturm erschwert wird, sich den Zuschauern vertraut zu machen. „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ ist die zweite Ausgabe des polierten „Polizeiruf“ aus München, der erste, „Cassandras Warnung“, inszeniert von Dominik Graf, läuft am 21. August, dann in der Primetime.

Gelegenheit, sich über die Maßstäbe des Jugendmedienschutzes aufzuregen? Hans Steinbichler, Regisseur dieses umstrittenen „Polizeiruf“, akzeptierte zwar die Sendezeitverschiebung, machte aber auch deutlich, dass er sie für falsch hält und regte laut epd eine Diskussion über die Wirklichkeitsnähe des gesetzlichen Jugendschutzes an, da Fernsehdirektor Fuchs mit seiner Entscheidung einen „Präzedenzfall“ geschaffen habe. Anderswo werden Stimmen laut, die auch mal die Verantwortung der Eltern befragen, die ihre Kinder überhaupt um Viertel nach acht jeden Krimi gucken lassen.

Ein schwieriges Terrain. Regelrechte Fehleinschätzungen seien äußerst selten – das schrieb die Jugendschutzbeauftragte des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und damalige Leiterin der Arbeitsgruppe der ARD-Jugendschutzbeauftragten, Inge Mohr, vor einiger Zeit im „ARD Jahrbuch“. Sie thematisierte dabei auch Standards ihrer Arbeit: Diskussionen über die Gestaltung eines Beitrags in einer Medizinsendung zum Thema „Penisverlängerung“ beispielsweise oder die Frage der Verwendung des Gemäldes „L’Origine du Monde“ von Gustave Courbet in einem Kulturmagazin, aber eben auch der verschärfte Blick auf die Krimis am Sonntagabend. Ein „Polizeiruf 110“, der von der Jugendschutzbeauftragten vor der Ausstrahlung gesichtet und gemeinschaftlich mit den Programmverantwortlichen in zwei Schlüsselszenen bearbeitet wurde, ist die RBB-Produktion „Vergewaltigt“, die 2005 im Ersten ausgestrahlt wurde.

Einen Terror-Anschlag auf einen Fußgängertunnel – vermeintlich der erste Anschlag Al Qaidas auf deutschem Boden – wie im neuen BR-„Polizeiruf“ hat es jedoch noch nicht gegeben. Ob die Jugendschutz-Indikatoren angesichts veränderter Wirklichkeiten auf den Prüfstand müssen, das sei eine Frage an die Politik, sagt Maders Kollege, Gunnar Krone, ZDF-Jugendschutzbeauftragter, dem Tagesspiegel. Dazu wollen ZDF, ARD, katholische und evangelische Kirche Ende des Jahres auf einem Symposium Impulse geben.

Für den herausragenden Kriminalfilm „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ kommt diese Diskussion zu spät. Der BR hat der ARD-Programmdirektion laut Fuchs den Vorschlag gemacht, „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ nun zwei Tage vor dem ursprünglich geplanten Termin auszustrahlen. An einem Freitag, eh’ kein großer Fernseh-Tag. Um 22 Uhr 05.

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