VERTRAUEN GUT, KONTROLLE BESSER : Pipi ja, Windeln nein

Was Prüfer bei "DSDS"-Folgen vor der Ausstrahlung monieren und verbieten.

Joachim Göres
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Genehmigt. Kandidat Adam Piechna war in der »DSDS«-Ausgabe vom 16. Januar in Ohnmacht gefallen. Für die Kontrolleure der...Foto: RTL

„Pipi-Skandal bei DSDS“, so lauteten vor kurzem die Schlagzeilen nach der Ausstrahlung von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). Kandidat Marcel Finette hatte einen Urinfleck auf der Hose. „Lieber Cholera auf dem Pipimann als deine Stimme“, kommentierte Jurymitglied Dieter Bohlen nach dem Auftritt. „Das ist ein Witz auf Kosten des Kandidaten, den wir haben durchgehen lassen. Er ist ja auch souverän damit umgegangen“, sagt Claudia Mikat. Sie ist die Vorsitzende des Prüfungsausschusses der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), ein Gremium der Privatsender, das seit zwei Jahren alle Beiträge von „DSDS“ vor der Ausstrahlung auf Sendefähigkeit überprüft. Vorausgegangen war eine Strafe von 100 000 Euro, die die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) der Landesmedienanstalten gegen den Sender RTL wegen wiederholter Jugendschutzverstöße bei der Castingshow ausgesprochen hatte. Nach Mikats Aussage schreitet die FSF dann ein, wenn beispielweise der Eindruck vermittelt werde, dass es normal, alltäglich sei, sich über das Aussehen oder die Schwächen von Menschen lustig zu machen oder sie zu beleidigen.

„Wir haben dafür gesorgt, dass Bohlens Aussage ,Du erinnerst mich an eine Windel. Wenn die voll Scheiße ist, schmeißt man die weg‘ nicht gesendet wurde“, sagt Mikat. Auch die von der Redaktion nachträglich eingefügte Animation, bei der der Kandidat in eine Windel eingewickelt und in den Müll geworfen wird, durfte nicht gezeigt werden. Bei einer Kandidatin, die beim Gehen den Fuß nachzieht, hatte die Redaktion den Fuß besonders ins Bild gerückt und den Gang mit einem schleifenden Geräusch unterlegt – auch dies wurde von der FSF beanstandet und nicht gesendet.

Mit solchen Eingriffen sollen vor allem Kinder unter zwölf Jahren geschützt werden, die laut Experten nicht die Mechanismen dieser Shows erkennen und leicht die Wertungen von Jurymitgliedern übernehmen. Deshalb sei darauf zu achten, dass bei einer Ausstrahlung im Nachmittagsprogramm sich abwertende Urteile nicht auf äußere Auffälligkeiten und Schwächen beziehen. Mikat: „Nach unserer Erfahrung hat sich in den letzten zwei Jahren vieles bei ,DSDS‘ verbessert. Es werden bei den ersten Castings nicht mehr so viele untalentierte Kandidaten öffentlich vorgeführt und die Nachbearbeitung durch die Redaktion in Form von Animationen auf Kosten einiger Kandidaten ist nicht mehr so bösartig.“ Die KJM ist anderer Meinung: Sie hat gerade beanstandet, dass Bohlens Pipi-Sprüche gesendet wurden.

Der Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger sieht die Nachbearbeitung von Material bei „DSDS“ grundsätzlich kritisch: „Für den Zuschauer ist dies eher als der Kommentar eines Jurymitglieds eine objektive Stellungnahme, die leichter übernommen wird.“ Für Hallenberger wirft das Format Castingshow ein weiteres Problem auf. Die Mischung aus Talentwettbewerb und Dokusoap lässt auch den erwachsenen Zuschauer immer vor der schwierigen Frage stehen, was inszeniert und was real ist. „Ob etwas als inszeniert oder als authentisch wahrgenommen wird, beeinflusst die Wertung. Es gelten unterschiedliche Zumutungshorizonte.“

Zum Vorwurf des „DSDS“-Kandidaten Finette, dass Bohlens Pipi-Spruch erst nachträglich in den Beitrag montiert wurde, meint Mikat: „Wir wissen nicht, ob Bohlens Kommentare immer spontan kommen, denn wir sind bei der Aufzeichnung nicht dabei, sondern nehmen die fertige Sendung ab, es wäre also eine nachträgliche Einarbeitung möglich. Es ist nicht unser Job zu erforschen, was live gesagt wurde und was nicht.“ Sie weist darauf hin, dass es die Aufgabe der FSF sei, die jungen Zuschauer zu schützen – nicht die Kandidaten.

Laut einer aktuellen Studie der Medienwissenschaftler Daniel Hajok und Olaf Selg, die sich auf die Befragung von 1165 Jugendlichen von zwölf bis 17 Jahren und 1484 jungen Erwachsenen bis 24 Jahren stützt, schalten zwei Drittel aller Jugendlichen regelmäßig Castingshows an. Die Mehrheit der Zwölf- bis 17-Jährigen sieht zwei der drei populärsten Sendungen „Deutschland sucht den Superstar“, „Germany’s Next Topmodel“ und „Popstars“. Dabei gilt: je jünger, umso größer das Interesse. Mädchen sind stärker interessiert als Jungen. Sie wollen vor allem wissen, wer gewinnt und wer rausfliegt. Jungen wollen sich bei Castingshows gerne über Kandidaten lustig machen und die Zeit totschlagen. Auffällig dabei ist, dass die Ablehnung von Bohlens provokativen Sprüchen bei den jüngsten Befragten am stärksten ist. Das Fazit von Hajok und Selg: „Viele der jüngeren und eher wenig gebildeten Jugendlichen sind sich der Inszenierung von Castingshows und der dahinter steckenden Anbieterinteressen nicht hinreichend bewusst.“

„DSDS“, 20 Uhr 15, RTL

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