Medien : Verzauberte Welt

Deutschlandfunk holt die deutsche Romantik mit einer Hörspielreihe zurück ins Radio

Tom Peuckert
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Moderner Romantiker. Christoph Schlingensief und sein Hörspiel „Bitte nicht berühren!“. Foto: dpa

Für die einen ist die deutsche Romantik ein abgeschlossenes Phänomen der Kunstgeschichte. Es gibt Jahreszahlen für ihren Anfang und ihr Ende. Andere sehen das Romantische eher als unvollendetes Projekt, einen Modus des künstlerischen Produzierens, der bis in die Gegenwart hinein Früchte trägt. Zu Letzteren zählt auch Elisabeth Panknin, die Hörspielchefin des Deutschlandfunks. „Wirklichkeit unmöglich machen“ hat sie die große Romantik reihe ihres Senders überschrieben, mit einem Zitat Heiner Müllers, der bekanntlich gern der schwarzen Romantik in Deutschland zugerechnet wird.

Drei Monate lang gibt es beim Deutschlandfunk nun Hörspiele romantischer Autoren. Von den Klassikern der Bewegung bis zu zeitgenössischen Überraschungsgästen, deren romantisches Potenzial erst auf den zweiten Blick offenbar wird. Im Programm finden sich Evergreens wie E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“, Eichendorffs „Marmorbild“, Tiecks „Die schöne Magelone“, de la Motte-Fouqués „Undine“, aber auch Werke von Elfriede Jelinek, Christa Wolf, Peter Hacks, Botho Strauß. Auch romantische Kuriosa haben ihren Platz, etwa eine von der Künstlergruppe Rimini-Protokoll veranstaltete Lesung deutschromantischer Literatur durch Callcenter-Mitarbeiter in Kalkutta oder eine gänzlich musiklose Inszenierung von Wagners „Tristan und Isolde“.

Eröffnet wird der Reigen am heutigen Sonnabend mit einer Radiofassung der „Hymnen an die Nacht“. Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, war gerade 25 Jahre alt, als er mit seinen „Hymnen“ in ein dunkles Jenseits von Licht und Bewusstsein eintauchte. Die Nacht als Quelle der Poesie und Raum einer gesteigerten Lebendigkeit, aber auch als Heimat des Todes.

Zur romantischen Moderne gehört der Künstler, der mit dem eigenen Leben experimentiert. Der sich selbst zur Bühne macht, seine Wunden schonungslos her zeigt. Für diese Schaffensform stehen prototypisch Christoph Schlingensiefs Hörspiel „Bitte nicht berühren!“ und ein Hörspiel nach Peter Handkes Text „Gehen im Herzland“ über eine Wanderung des Dichters von Kärnten nach Slowenien.

Nicht Vollständigkeit, sondern überraschende Funde und provokante Zuordnungen sind das Signum der Reihe. Die Auswahl selbst ist schon freies Spiel, ein romantischer Sprung ins Offene. Denn die romantische Geisteshaltung versteht sich ja als Absage an die eindimensionale Rationalität der bürgerlichen Geschäftsordnung, als Einspruch gegen eine brutale „Entzauberung der Welt“. Romantische Kunst glaubt an die Freiheit, die allein aus der menschlichen Fantasie entsteht. Für die Hörspielchefin des Deutschlandfunks ist sie damit eine Art Gegengift gegen den intellektuellen Mainstream unserer Gegenwart. Jenen „weitverbreiteten Zynismus, verpackt in Gesellschaftskritik, die heute an jeder Ecke zu finden ist“, wie sie es ausdrückt. Tom Peuckert

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