Vetternwirtschaft : Liebe.Macht.Geld

Wer kontrolliert wen? Der Fall Doris J. Heinze ist auch ein Fall NDR. Und streuen die Vermutungen weiter.

Joachim Huber
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Aus anderen Tagen. Doris J. Heinze (links) und Maria Furtwängler, die die Kommissarin Charlotte Lindholm im NDR-"Tatort" spielt. -Foto: Schneider-Press

Drehbuchautoren sind Menschen-Erfinder. Niklas Becker ist Autor, seine interessanteste Menschen-Erfindung ist er selbst – Niklas Becker. Ein Mann mit folgender Biografie, wie sie im Presseheft zum NDR-Film „Der zweite Blick“ – ARD-Ausstrahlung am 2. August 2006 – zu lesen ist: „Niklas Becker wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach seinem Studium der Publizistik und der Kunstgeschichte arbeitete er zunächst als Übersetzer, Journalist und Filmkritiker. Seit 1986 lebt er in Amsterdam und Montreal, wo er unter anderem als Script-Doctor tätig war.“

Der echte Herr Becker ist der Ehemann der suspendierten NDR-Fernsehspielchefin Doris J. Heinze. Er schrieb Drehbücher, sie prüfte, genehmigte und ließ aus den Becker-Büchern Fernsehfilme werden. Fünf an der Zahl, von 2001 bis 2009. Von der wahren Existenz des Niklas Becker wussten augenscheinlich nur noch zwei Mitarbeiter der Münchner Allmedia Pictures GmbH, die vier Becker-Vorlagen umsetzte. Der Autor reichte ein Treatment bei Allmedia ein, das mit den besten Empfehlungen an Doris J. Heinze ging. Daraus erwuchs ein Auftrag, der via Allmedia Niklas Becker erreichte. Dann kam es zum Drehbuch, zur Produktion, zur guten Quote. Denn diese Qualität hatten die Becker-Bücher, egal ob sie Vorlagen für „Fast ein Volltreffer“ (2008), „Der zweite Blick“ (2006), „Katzenzungen“ (2003) oder „Vor meiner Zeit“ (2002) waren.

Für Fragen und Nachfragen zu den Büchern war Becker in Übersee schwer, eigentlich gar nicht zu erreichen. Der „Kontakt“ lief über Doris J. Heinze und die beiden (von ihrer Firma mittlerweile beurlaubten) Allmedia-Vertrauten. Fake-Biografie und ein scheinbar geschlossenes System sind der heute 60-jährigen NDRFernsehspielchefin würdig, die neben den Meriten für Redaktion („Tatort“ mit Maria Furtwängler) und Co-Produktion („Der Untergang“, „Berlin 36“) selbst eine erfolgreiche Autorin ist.

Derart gerühmt – und dann solch ein Geschäft auf Risiko? Die fünf Drehbücher von Pseudonym Niklas Becker werden in der Szene auf 250 000 bis 500 000 Euro Honorar geschätzt. Das ist ordentliches Geld, bezahlt für ordentliche Leistung. NDR-Sprecher Martin Gartzke weist darauf hin, dass „unserem Sender offensichtlich kein materieller Schaden entstanden ist“, die Drehbücher seien ja verfilmt worden. Das sieht auch Heinzes Anwalt Gerd Benoit so: „Es liegt kein Betrug vor, bestenfalls ein Vertrauensbruch.“ Auf die angekündigte fristlose Kündigung durch den NDR werde er mit einer Kündigungsschutzklage reagieren.

Drei entscheidende Fragen warten auf Antworten. Zunächst, wie in jedem besseren Fernsehfilm, die Motivlage. Eingeweihte im NDR sprechen von „persönlicher Wiedergutmachung“. Der wahre Niklas Becker war schon NDR-Autor, da war seine Frau noch nicht Fernsehspielchefin. Er blieb Autor, als Heinze 1991 in diese Funktion kam. Die Niklas-Becker-Ära begann erst 2001. Offenbar konnte der Ehemann nicht länger für die Ehefrau arbeiten, das sah nach Vetternwirtschaft aus. Er schrieb aber doch, weil Doris J. Heinze ihm mit diesen Aufträgen aus einer gemeinsamen Ehekrise helfen wollte. Zu seinem Drehbuch „Der zweite Blick“ hatte Becker 2002 im Presseheft geschrieben: „Der Reiz der Geschichte ist die Zufälligkeit, die die Protagonisten wieder zusammenführt.“

So viel zum möglichen Motiv. Wer jedoch hat dieses „unlautere Verhalten“ (NDR-Intendant Lutz Marmor) aufgedeckt? Sendersprecher Gartzke sagte, die Senderrevision wäre nach ersten Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ aktiv geworden. Andere sagen, die Revision wäre bereits aktiv gewesen, der NDR wollte mit seiner Pressemitteilung der „SZ“-Veröffentlichung zuvorkommen. Das unlautere Verhalten sei länger schon vermutet worden, doch erst vor kurzem wäre eine Mitarbeiterin der Redaktion zum nächst höheren Vorgesetzten gegangen, der wieder ... schließlich das Gespräch und das Geständnis von Doris J. Heinze.

Die dritte Frage betrifft die Kontroll-Mechanismen im NDR. Kritiker monieren nicht erst seit gestern, Außenstehende müssten sich die öffentlich-rechtlichen Funkhäuser als Fürstentümer vorstellen. Oben thront der Intendant, darunter richten die Gefolgsleute ihre Herrschaft ein. So auch Doris J. Heinze, die gefeierte Ikone des Fernsehspiels. Nur so scheint vorstellbar, dass auf den vielen Ebenen und trotz der vielen Verantwortlichen einer Filmproduktion nie einer den Autor Niklas Becker treffen oder sprechen wollte. Kein Redakteur, kein Produktionsleiter, kein Fernsehdirektor ...

Schon streuen die Vermutungen weiter. Dass das Modell in weiteren Variationen zur Anwendung gekommen, Provisionen geflossen seien. Jetzt ist, wie NDR-Intendant Lutz Marmor mit Eisen in der Stimme ankündigte, „die Revision mit der vollständigen und umfassenden Aufklärung des Sachverhalts beauftragt“.

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