Medien : Vier Köpfe, eine Sendung

Es gibt Nachrichtensprecher, und es gibt die Chefsprecher der „Tagesschau“– in 50 Jahren drei Männer und eine Frau

Harald Martenstein

Karl-Heinz Köpcke hat eine demokratische Dynastie begründet. Seit Köpcke gehört der Chefsprecher der ARD-„Tagesschau“ zu den zentralen Repräsentanten der deutschen Republik. Er kommt gleich nach dem Kanzler und dem Fußball-Bundestrainer an dritter Stelle, was die gefühlte Bedeutung betrifft.

Köpcke war noch im Krieg, als Funker. Seine Aufgabe im Fernsehen beschrieb er so: „Ich habe einen angenehmen Eindruck zu machen, aber nicht so angenehm, dass er von dem ablenkt, was ich sage.“ Dies gelang ihm nur teilweise. Köpcke war in der an erotischen Signalen nicht eben reichen Adenauer-Republik das größte männliche Sexsymbol.

Köpckes Anblick versetzte die deutsche Frau in eine für uns Heutige schwer nachvollziehbare Raserei – es war eben eine andere Zeit, damals. Von der eigenen Wirkung überwältigt, schrieb Köpcke den erotischen Roman „Bei Einbruch der Dämmerung“, bis heute eines der meistzitierten Werke der Nachkriegsliteratur. „Zwei üppige Brüste machten paradoxerweise Männchen. Er sah die weißen, engen Jeans von den Gazellenbeinen unter seinen Händen abplatzen wie überhitzte Haut von Wurst.“ So was kommt von so was.

In der „Tagesschau“ funktionierte es ähnlich wie in einer Behörde: Der erste Mann ging, und der zweite in der Hierarchie rückte auf. Nachfolger des schillernden Sex-Maniacs Karl-Heinz Köpcke zu sein, war trotzdem mindestens so schwierig wie die Nachfolge von Konrad Adenauer oder Sepp Herberger.

Werner Veigel brachte sich mit polarisierenden Krawatten und geschmacklich umstrittenen Extrembrillen ins Gespräch, er gab sich belesen, ein Fan von Heinrich Mann und von guten Restaurants. Außerdem war er in Holland geboren, und er war schwul. Daraus machte er kein Hehl. Dies war eine für die biedere, ängstliche ARD erstaunliche Tatsache, obwohl man bereits das Ende der 80er Jahre schrieb.

Die „Tagesschau“ musste lernen, dass ein mächtiger Rivale aus dem eigenen Stall ihr den Rang streitig machte. Die „Tagesthemen"-Moderatoren – vor allem Hanns Joachim Friedrichs, Sabine Christiansen, seit 1991 Ulrich Wickert – steigen in der gefühlten Bedeutung immer weiter auf. Würden sie den Chefsprecher überholen?

Werner Veigel schied von einem Tag auf den anderen bei der „Tagesschau“ aus und starb ein paar Monate danach an einem inoperablen Gehirntumor. mrt

Jetzt also sollte das Hohepriesteramt des deutschen Nachrichtenwesens endlich an eine Frau fallen. Was war das Besondere an Dagmar Berghoff? Hanns Joachim Friedrichs sagte, dieses Besondere bestehe darin, dass sie den meisten Leuten auf Anhieb sympathisch sei. Eine geheimnisvolle Fähigkeit, die sich auch mit noch so viel Mühe und Fleiß nicht erlernen lässt.

Berghoff hat den zweitschönsten Versprecher der „Tagesschau“ auf dem Gewissen: „Boris Becker hat das WC-Turnier in Dallas gewonnen.“ Noch besser war nur Jens Riewa, als er verkündete: „Das Nacktbackverbot in Deutschland wird aufgehoben.“

Unter Berghoff stieg die Bedeutung der Chefsprecherin wieder ein bisschen. Die Chefsprecher waren im Job scheinbar Menschen ohne Eigenschaften, im Gegensatz zu den Moderatoren.

Dagmar Berghoff aber kannte jeder Zuschauer von ihren Nebenjobs, in denen sie mehr tun durfte, als nur vorzulesen. Berghoff sah man als Talkshow-Gastgeberin und als Moderatorin, sie saß sogar im Aufsichtsrat des Fußballvereins HSV und gilt bis heute als Furcht einflößend diszipliniert, als eine eiserne Lady. Den Termin ihrer letzten „Tagesschau“ legte sie sechs Jahre im Voraus fest. mrt

Nach dem Bonvivant und der eisernen Dagmar Berghoff wirkt Jo Brauner als erster Chefsprecher tatsächlich wie ein Mann ohne Eigenschaften.

Geboren 1937, Abitur in Leipzig, in der DDR kurze Zeit Grundschullehrer für Deutsch, 1958 in den Westen ’rübergemacht, später kaufmännischer Angestellter bei einer Versicherung, unauffällig verheiratet, zwei Kinder. Den Versicherungsjob kündigt er erst, als ihm eine Sprecherkarriere beim NDR mit Angestelltenvertrag hundertprozentig sicher ist.

Jo Brauner hat, wie er selbst sagt, niemals Lampenfieber, würde „eigentlich mit niemandem“ gerne tauschen, würde auf eine einsame Insel Bücher mitnehmen, schätzt als Person besonders Helmut Schmidt, und auf die Frage nach seinen Träumen antwortet er, dass sich seine Träume fast alle bereits erfüllt haben.

Tja. Nur eine einzige Antwort auf eine Frage im hausinternen Fragebogen der ARD überrascht. „Welchen leiblichen Genüssen sind Sie besonders zugetan?“ Jo Brauner antwortet in seinem Fragebogen mit genau sechs Punkten. Also so: „……!“ Was kann er damit meinen? Was hätte Köpcke geantwortet? mrt

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