Vierte Gewalt : Machtvolle Kontrolle

Neue Rankings belegen: Die Pressefreiheit hilft auch, die Korruption einzudämmen.

Stephan Ruß-Mohl
Wer zahlt wem? Die Organisation Transparency International stellte den Korruptionsindex vor. Deutschland zählt zu den Ländern mit der geringsten Vorteilsnahme. Foto: dpa
Wer zahlt wem? Die Organisation Transparency International stellte den Korruptionsindex vor. Deutschland zählt zu den Ländern mit...Foto: picture-alliance/ dpa

Ist das ein Grund, stolz zu sein? Deutschland gehört im „Corruption Perception Index“, einem Ranking der Organisation Transparency International, zur Spitzengruppe der fünfzehn weltweit am wenigsten von Korruption gefährdeten Nationen. Die ersten Plätze belegen kleinere Länder wie Dänemark, Schweden, Finnland, die Niederlande, Norwegen und die Schweiz. Bei einem weiteren globalen Ranking, das „Reporters sans Frontières“ jährlich zur Pressefreiheit erstellt, schneidet Deutschland mit Position 17 ebenfalls gut ab. Die Nase vorn haben wiederum die Kleinen: Finnland, Island, die Niederlande, Norwegen, Schweden und die Schweiz, sie alle teilen sich den ersten Platz. Estland und Litauen haben es als einzige Länder aus dem früheren Ostblock unter die Top 15 geschafft. Als einzige nicht-europäische Nationen finden sich Neuseeland und Japan in dieser Spitzengruppe. Die Schlusslichter beim Korruptions-Ranking sind Sudan, Turkmenistan, Usbekistan, Myanmar und Somalia sowie die beiden seit Jahren vom Krieg heimgesuchten Länder Afghanistan und Irak. Am wenigsten Pressefreiheit gewähren Syrien, Myanmar, Iran, Turkmenistan, Nord-Korea und Eritrea.

Analysiert man die beiden Rankings genauer, so sind drei Punkte besonders festzuhalten. Sowohl bei der Korruptionseindämmung als auch in puncto Pressefreiheit haben Europa, Nord-Amerika und Ozeanien starke Positionen. Singapur ist offenbar weltweit das einzige Land, das ohne Pressefreiheit erfolgreich Korruption bekämpft. Zweitens: Innerhalb Europas gibt es ein dramatisches Nord-Süd- und auch ein starkes West-Ost-Gefälle. Die beiden großen Nachbarn Deutschlands, Frankreich und Polen, schneiden im Anti-Korruptionsranking unterschiedlich ab. Frankreich belegt Platz 25, Polen Position 41. Italien fällt dagegen weit ab und rangiert auf Platz 67, hinter Ruanda und gerade noch vor Georgien. Bei der Pressefreiheit landet Polen sogar vor Frankreich auf Platz 32, der Nachbar im Westen belegt Rang 44. Italien, dessen Medien weithin Premierminister Berlusconi kontrolliert, findet sich auch hier abgeschlagen auf Platz 49.

Und drittens schließlich: Den beiden Rankings zufolge korreliert ein hohes Maß an Pressefreiheit eindrucksvoll mit geringer Korruptionsanfälligkeit. Damit liegt die Folgerung nahe, Pressefreiheit helfe Korruption nachhaltig einzudämmen.

Gewiss: Korruptionsanfälligkeit ist zuvörderst eine Frage des Ethos – und somit der Sozialisation und der Sozio-Kultur. Vermutlich haben aber auch diejenigen Ökonomen nicht unrecht, die meinen, Bestechlichkeit breite sich vorzugsweise dort aus, wo sie sich „rechnet“. Ob sie sich lohnt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie wahrscheinlich es ist, erwischt zu werden, wenn man sich auf Korruption einlässt. Wenn die Mächtigen wissen, dass eine unabhängige Presse sie ertappen und skandalisieren könnte, ist das vermutlich noch immer die beste Prävention gegen Bestechung und Bestechlichkeit.

Bei allen Schwierigkeiten, solche Daten halbwegs verlässlich zu erheben, stammen beide Zahlenwerke immerhin von seriösen Quellen. Einen Grund für die Deutschen, auf ihre Spitzenplätze bei den beiden Rankings stolz zu sein, gibt es also durchaus. Denn kleine Länder, die in beiden Indizes noch besser abgeschnitten haben, tun sich sowohl mit der Korruptionsbekämpfung als auch mit der Pressefreiheit aus einer Reihe von Gründen leichter als große, einwohnerstarke. Zum einen funktioniert in kleinen Ländern die soziale Kontrolle besser, Bestechung und Bestechlichkeit sind weniger wahrscheinlich. Zum anderen haben in solchen Ländern, wo unter den Eliten jeder jeden kennt, die Medien meist auch mehr Beißhemmung. Sie kosten ihre Freiheit womöglich gar nicht richtig aus.

Um korruptionshemmende Wirkung zu entfalten, bedarf es freilich nicht nur der rechtsstaatlich garantierten Pressefreiheit, sondern auch eines Journalismus, der finanziell unabhängig und hinreichend mit Recherchekapazität ausgestattet ist. Weil sich heute billiger und zielgruppengerechter in sozialen Netzwerken und mit Hilfe von Suchmaschinen werben lässt, bricht diese werbefinanzierte Recherchekapazität des Journalismus in den Demokratien Europas und Nordamerikas zurzeit in atemberaubendem Tempo weg. Und damit ist die Pressefreiheit auch nur noch halb soviel wert wie zuvor.

Der Autor ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Lugano.

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