Medien : Vietnam erlösen

„Tet“ ist mehr als eine Militäroperation, zeigt Minh-Khai Phan-Thi mit ihrem ersten Dokumentarfilm

Barbara Sichtermann

Was verbinden wir mit dem Wort „Tet“, wenn von Vietnam die Rede ist? Die „Tet-Offensive“ natürlich, und wer Vietnam sagt, meint zugleich Krieg. Die in Deutschland geborene Schauspielerin und TV-Moderatorin (Kabel 1, Viva, 3sat) Minh-Khai Phan-Thi, Kind vietnamesischer Eltern, hat sich mit ihrem ersten Dokumentarfilm eine besondere Aufgabe gestellt: Vietnam zu erlösen aus der Gleichsetzung mit einem Kriegsschauplatz und es als Heimatland zu porträtieren. „Tet“ zu befreien von dem Anklang an eine militärische Operation und es wieder zu einem Fest zu machen, zum schönsten und bedeutendsten im Land.

Herausgekommen ist ein sehr privater Film, ein Familienalbum und ein äußerst persönlicher Blick auf die Menschen, die Häuser, Wege, Tempel und Landschaften. Aber da die Filmemacherin stets auch an ihrer „Aufgabe“ arbeitet, Vietnam jenseits und abgesehen von seiner kriegerischen Geschichte zu zeigen, ist auch diese Geschichte immer präsent. Der Zuschauer erlebt ein asiatisches Land, wie es weitere gibt: mit einer Bevölkerung, die die Schwelle zur Moderne überschritten hat, die an ihren Traditionen hängt, die neugierig auf den verheißungsvollen Westen ist und die ihre Heimat liebt.

Mit ihren Eltern hatte Minh-Khai Gewährsleute an der Hand, die in zweierlei Welten zu Hause sind, die einst ihr Land verließen, um im fernen, unbekannten Deutschland voranzukommen. Sie haben ihre vietnamesischen Wurzeln behalten, ihr Leben aber in Deutschland gelebt und sind deshalb dazu prädestiniert, zu vergleichen, zu interpretieren und zu verstehen. Die Schauspielerin selbst ist zu größerer Distanz verurteilt, wenn sie durch Saigon läuft oder im Haus der Familie Interviews führt: „Wenn ich meine Onkel und Tanten betrachte, fühle ich mich fremd.“ Aber die Mentalität der mehrheitlich dem buddhistischen Ritus verpflichteten Bevölkerung ist ihr dennoch nahe; sie, die Tochter von Christen, ist selbst Buddhistin geworden und vermag über die bezaubernden Tempel und die Andacht der Gläubigen respektvolle Worte zu finden. Daheim bei den Ihren ist es ihr wieder viel zu eng. „Ich habe gespürt, dass ich anders bin.“ Aber dann geschieht das Wunder des „Tet“-Festes, das die Familie, die Saigoner, die Vietnamesen in einem Wirbel von Tanz und Jubel vereint. Minh-Khai kann ein beglückendes Fazit ziehen: „Ich lebe nicht zwischen, sondern mit zwei Kulturen.“

Seit die Rede vom „Clash der Zivilisationen“ und von der terroristischen Bedrohung den Prozess des Austausches und des Zusammenrückens der Nationen begleitet, wächst auch die Angst, dass die großen Unterschiede in den Lebensformen eher zu Konflikten führen, als dass sie den Menschen Zugewinne an Erfahrung versprechen. Dieser Film schlägt andere Töne an, er entwickelt ein Gegenprogramm: leise und freundlich, aber auch realistisch. Probleme werden nicht schön geredet, Unzuträglichkeiten nicht verschwiegen. Ja, die Gegensätze von Arm und Reich, von Tradition und Moderne, von Gebundensein und Freiheit sind ständig präsent. Dennoch zeigt dieser Film mit Vietnam einen Ausschnitt aus einer problemgeladenen, ungleichzeitigen und ungerechten Weltgegend, in der die Menschen gerne, zivil und hoffnungsvoll leben.

„Mein Vietnam – Land und kein Krieg“: ZDF, 0 Uhr

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