Virtuelle Nähe : "Gefällst du mir, gefall ich dir"

Wir sammeln digitale Freunde, die uns die Zugehörigkeit zu virtuellen sozialen Gruppen ermöglichen. Wahre und Ware Freundschaft – über zwischenmenschliche Beziehungen in Zeiten von Facebook.

Miriam Meckel
Mehr als 500 Millionen Menschen sind weltweit Mitglieder des sozialen Netzwerks Facebook. Für die meisten von ihnen ist eines am wichtigsten: dass sie so viele Freunde wie möglich haben. Foto: Oliver Berg/picture alliance-dpa
Mehr als 500 Millionen Menschen sind weltweit Mitglieder des sozialen Netzwerks Facebook. Für die meisten von ihnen ist eines am...Foto: picture alliance / dpa

Wahrscheinlich haben wir inzwischen ein Dutzend Male miteinander auf Podien diskutiert, schlechten Kaffee in Konferenzpausen getrunken, unsere Sichtweisen über Google, Facebook und andere Lebensformen im Internet ausgetauscht. Für eine wahre Freundschaft reicht das wohl nicht. Für eine Facebook-Freundschaft sollte es in jedem Fall genügen. Nach unserer letzten Begegnung in New York versuchte ich also, mich mit dem Blogger und Autor Jeff Jarvis zu befreunden. Zwei Mausklicks reichen dazu (+1 add as friend, send request). Doch statt einer Meldung zur erfolgten Freundschaftsanfrage informierte ein Pop-up-Fenster: „Sorry, this user already has too many friend requests.“ Der Mann ist freundschaftlich überbucht. Digitale Anfrage vergeblich.

Jeff Jarvis hat also 5000 Freunde. Zumindest vermutet man das als die Höchstgrenze, die Facebook zulässt. Über die Gründe für die Firewall der Freundschaftsvermehrung wird in der Online-Community gerätselt. Das Angebot eines australischen Werbeunternehmens an weniger beliebte Netznutzer, sich für knapp 1200 Dollar einfach 5000 Freunde zu kaufen, hat Facebook per Klageandrohung 2009 schnell wieder vom Markt gefegt. Es soll doch ehrlich und redlich zugehen beim Knüpfen digitaler Beziehungen. Freunde kaufen – das ist wie Prostitution unter dem Label der Liebe.

Für Jeff Jarvis wäre ich Nummer 5001 gewesen, aber das erlaubt Facebook nicht. Mir macht das nichts aus. Vermute ich doch, dass es allemal schwer ist, Tausende von Freundschaften zu pflegen. Vielleicht schreibe ich ihm lieber mal eine E-Mail. Eine Nachricht nur für ihn, nicht gepostet auf meiner Facebook-Pinnwand und dort für alle Freunde gleichzeitig sichtbar. Eine individuelle Kontaktaufnahme an einen Menschen, über den ich mir Gedanken machen muss, um ihm zu schreiben. Will ich das nicht, klicke ich einfach auf „Gefällt mir“ irgendwo, wo er mal zitiert wird. Irgendwas ist immer dabei, was man mögen kann.

Der britische Anthropologe Robin Dunbar hat an Stammesgesellschaften und Nomadenvölkern erforscht, dass das menschliche Gehirn eine maximale Zahl von 150 sozialen Beziehungen zulässt, die wir aktiv „verwalten“ oder pflegen können. Wenn ich allein an meine E-Mail-Kontakte mit nahestehenden Menschen denke, weiß ich: Er hat recht. Mehr geht nicht. Inzwischen fragt auch Dunbar nach dem „Facebook-Effekt“: Was ist mit den 4850 weiteren Freunden, die im digitalen Raum versammelt sind?

Die Antwort liegt vermutlich in den Abstufungen, die Menschen auch im wirklichen Leben bei ihren sozialen Beziehungen vornehmen. So gibt es die „Nutzfreundschaften“, die im realen Leben den Berufsalltag bestimmen und zum Beispiel Beziehungen zwischen Geschäftspartnern kennzeichnen. Eine Facebook-Freundschaft, die dem Austausch nützlicher Informationen über Links dient, gehört auch in diese Kategorie. Die „Zweckfreundschaften“ entstehen dagegen aus gemeinsamen Interessen, zum Beispiel dem Fußball. Das ist im realen Leben manchmal ganz ähnlich wie bei Facebook. Dort allerdings kann man ganz vieles teilen, so zum Beispiel die Gruppe „Nackert Schmusen“, die zwar keine neuen Einträge, aber immerhin 482 Gefallenskameraden hat, auch wenn die meisten sich vermutlich gar nicht kennen. Die Gruppe „Mich zu verarschen, dein untergang!!!“ kommt gar auf 4100 Anhänger und verzeichnet als jüngsten Beitrag: „Am wertvollsten ist die Freundschaft zu den Menschen, die dir aufhelfen wenn du gefallen bist & mit einem Lächeln im Gesicht sagen: Zusammen schaffen wir das!“

Womit wir bei echter Freundschaft wären. Der französische Essayist Michel de Montaigne hat sie im 16. Jahrhundert als „wahre Freundschaft“ bezeichnet. Sie entsteht durch die „vollständige Verschmelzung zweier Seelen“ oder steht – in Anlehnung an Aristoteles – für „eine Seele in zwei Körpern“. Michel de Montaigne beschreibt damit sicher das Ideal einer Freundschaft, und man kann glücklich sein, wenn man etwas Vergleichbares überhaupt ein oder zwei Mal im Leben erfährt. Mit 5000 Freunden auf Facebook kann das nicht klappen. Weder möchte ich mit den Seelen all der Menschen verschmelzen, die meine digitalen Freunde sind, noch kann ich das. Digitale Freundschaften auf Facebook entstehen aus ganz vielen Seelen ohne Körper, die einen beim Besuch der Seite gelegentlich in Status-Updates, Profilfotos, Fotos und Links umwehen. Und manchmal hat man das Gefühl, dass manch ein „Freundschaftsgespräch“ auf Facebook ein ziemlich seelenloses Unterfangen ist.

Wozu das Ganze also? Es geht wieder einmal ums Kapital, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu in den achtziger Jahren beschrieben hat. Menschen sammeln durch Beziehungsarbeit „soziales Kapital“ an – eine Ressource, die auf der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe beruht und aus gegenseitigem Kennen und Anerkennen resultiert.

Auch wenn es damals noch kein Facebook gab, passt Bourdieus Konzept perfekt. Wir sammeln digitale Freunde, die uns die Zugehörigkeit zu virtuellen sozialen Gruppen ermöglichen und Anerkennung verschaffen. Je mehr Menschen im digitalen Freundeskreis auf meine Status-Updates reagieren, auf „Gefällt mir“ klicken oder gar einen Kommentar hinzufügen, desto besser bin ich vernetzt. Mein soziales Kapital wächst, meine Reputation im digitalen Universum auch.

Wer utilitaristisch dabei denkt und darin eine ökonomische Beziehung aus Angebot und Nachfrage sieht, ist kein Schelm, sondern schlau und hat die Prinzipien digitaler Freundschaften durchschaut. „Gefällst du mir, gefall ich dir.“ Es sind virtuelle Tauschprozesse, die hier stattfinden, und dafür gehen wir viele Nutz- und Zweckfreundschaften ein.

Die wahren Freundschaften bei Facebook entstehen nicht dort, sondern sie entstehen im wirklichen Leben und werden ins Digitale übertragen (in Ausnahmefällen mag das auch mal umgekehrt sein). Solch intensive Formen der Freundschaft verlangen nach persönlichen Kontakten, sie brauchen oft Jahre der Entwicklung und halten – manchmal – ein Leben lang.

Wer sich bei Facebook auf die Suche nach der wahren Freundschaft macht, der landet übrigens auf einer Profilseite, die genau ihr gewidmet ist. „Wahre Freundschaft hat kein Happyend ... wahre Freundschaft endet nie!!“, wurde dort seit Februar dieses Jahres zwölf Mal gepostet. Das reicht, um 66 000 Menschen zu begeistern („66 606 people like this“).

Vielleicht stimmt der Satz für wahre Freundschaft in einem Teil, vielleicht sogar in beiden. Für die Ware Freundschaft, die auf Facebook gehandelt wird, stimmt er im zweiten Teil jedenfalls nicht. Dort genügt auch ein einziger Mausklick, um sich zu „entfreunden“.

Miriam Meckel ist Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, Schweiz, und Faculty Associate am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University, USA.

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