Volker Koepp fährt ins „Memelland“ : Der Geschichtslast müde

Volker Koepp fährt ins „Memelland“

Hans-Jörg Rother

Längst haben Großstadtmenschen die stille Schönheit der Gegend um Heydekrug (Šilute) und Rusne in Litauen entdeckt: ein Werbefachmann aus Vilnius beispielsweise, der beim ersten Anblick des aufgewühlten Kurischen Haffs mit den Wanderdünen von Nidden (Nida) in der Ferne nichts als „Demut und Freude“ empfinden konnte. Um das Schöne mit dem Geschäftlichen zu verbinden, baute er in Rusne ein Hotel – aus hundert Jahre alten deutschen Ziegelsteinen von Abrisshäusern im früheren Königsberg.

70 Prozent der Einwohner in der auf Tourismus und Fischfang angewiesenen Region sind im Rentenalter, so wie die Schwestern Edith, Erna und Bertha, die in den Nachkriegsjahren nicht nach Deutschland ausreisen durften. Als es dann mit der Unabhängigkeit Litauens möglich gewesen wäre, wollten die drei lieber auf ihrem Hof bleiben, wo sie bis heute von früh bis spät Vieh und Feld versorgen, um die schmalen Pensionen aufzubessern. Andere kehrten nach langen Entbehrungen aus Sibirien in die Heimatstadt Šilute zurück. Rosa etwa, deren Mutter denunziert und deportiert wurde. Die Geschichtslehrerin leitet nun das Museum. Wenn sie mit den Filmleuten über das von drei Seiten meerumspülte Land fährt, fallen ihr wieder die vielen Abschiedsfeste auf den Einzelgehöften ein, deren Bewohner ein Leben in Deutschland vorzogen.

Es konnte nicht ausbleiben, dass Volker Koepp nach den filmischen Streifzügen durch das ehemalige Ostpreußen („Kalte Heimat“, „Die Gilge“, „Kurische Nehrung“) auch das einstige „Preußisch-Litauen“ entdeckte. Wieder war ihm sein Kameramann Thomas Plenert der unersetzliche Partner, dessen düster dramatische Wolkenstimmungen und prächtige Sonnenuntergänge über dem Haff dem Film einen besonderen poetischen Reiz verleihen. „Memelland“, bislang auf keinem Kinospielplan, ist ein beeindruckender Landschaftsfilm geworden, der Probleme nicht ausspart und auf die Geschichte zurückkommt, das Gewicht jedoch von den Schicksalen weg auf die Natur verschiebt. Keine Wohnung wird betreten, in keiner Küche beim Kochen zugeschaut, fast sämtliche Begegnungen finden unter freiem Himmel statt, als könne der Regisseur selbst nicht genug frische Luft schnappen.

Der Film hätte auch anders werden können, reflexiver, wie die Einbeziehung von Szenen aus Koepps erster Begegnung mit Litauen, „Grüße aus Sarmatien“ von 1972, andeutet. Womöglich aber sind die Menschen und mit ihnen der 64 Jahre alte Regisseur, vielleicht auch die Fernsehzuschauer der Lasten der Geschichte müde und erfreuen sich lieber am Flug der Vögel. „Noch in Milliarden Jahren werden die Nachtigallen hier singen“, träumt kühn der Leiter der Vogelwarte am Windenburger Eck. Hans-Jörg Rother

„Memelland“, 22 Uhr 45, ARD

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