Medien : Volkes Stimme, Kanzlers Sprüche

NAME

Von Thomas Gehringer

Nein, das ist kein guter Tag für Freddy Schenk: Auf seinem Parkplatz steht ein fremdes Auto, sein Kaffeebecher ist verschwunden, so dass er auf das Modell „Mamas Liebling“ ausweichen muss, und in seinem Büro schnüffelt auch noch eine Journalistin herum und findet prompt ein Buch mit dem Titel „Essstörungen“. Was hier angesichts des bulligen Kommissars nur wie eine nette Pointe wirkt, wird bei der Aufklärung des „Tatort"-Falls „Schlaf, Kindlein, schlaf“ (ARD, Sonntag, 20 Uhr 15) noch eine Rolle spielen. Doch davon weiß Schenk noch nichts. Er wirft die vorwitzige Journalistin aus seinem Büro und beschwert sich bei seinem Kollegen Ballauf: „Ich bin doch hier nicht der Jux-Major.“ Auch im 20. Fall des Kölner Duos sind die von Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt gespielten Hauptfiguren zwischen nötigem Ernst und ironischem Vergnügen gekonnt ausbalanciert.

Die Stimmung aber ist gereizt. Die örtliche Boulevardpresse kommentiert die Verbrechensstatistik mit der Schlagzeile „Schläft die Kölner Polizei?“, und noch am selben Tag findet sich im Wald die Leiche eines jungen Au-Pair-Mädchens, das dort wie zum Schlaf auf den Boden gebettet wurde. Der Herr Oberstaatsanwalt will die Arbeit seiner Leute nun „besser verkaufen“ und erlaubt der Journalistin Barbara Stein (Catherine Flemming), die Ermittlungen zu begleiten. Besonders Schenk vermiest das die Laune beträchtlich, zumal der ungebetene Gast den Kommissaren zuweilen auf die Sprünge hilft. So entdeckt sie im Archiv die Geschichte des Mädchenmörders Willy Linnartz (Ronnie Janot) und findet heraus, dass er aufgrund eines psychologischen Gutachtens entlassen wurde. Jetzt beginnt die Hatz auf den vermeintlichen Täter, und Volkes Stimme („Die gehören auf ewig eingesperrt") klingt hier ganz ähnlich wie das Kanzler-Wort im vergangenen Jahr („Wegschließen – und zwar für immer").

Regisseur Peter Fratzscher, der im vergangenen Jahr für den ZDF-„Ermittler“ den Deutschen Fernsehpreis gewann, kritisiert solche Politiker-Sprüche: „Mit Stammtisch-Parolen wird man der Problematik nicht gerecht." Doch abgesehen von diesem gesellschaftskritischen Anflug bietet „Schlaf, Kindlein, schlaf“ eine recht konventionelle Krimi-Geschichte, in der Udo Samel und Lena Stolze als Psychologen-Paar auftreten und Hugo Egon Balder (leider) nur kurze Auftritte als schmieriger Boulevard-Journalist hat. Dass eine Zeugin 100 Mark statt 100 Euro vermisst, verrät, dass dieser „Tatort“ eigentlich bereits im letzten Jahr gesendet werden sollte. Noch verwirrender ist allerdings, dass sich Schenk und Ballauf nicht mehr zu Kölsch und Pommes an der Imbissbude treffen, sondern bei „Gusto Italiano“, wo ihnen am Ende sogar Wein kredenzt wird. Ein echter Stilbruch, den sich die Autoren Jan Hinter und Stefan Cantz „für diese Sommergeschichte“, so Redakteurin Helga Poche, ausgedacht haben.

In Zukunft wird das Kölner Duo viermal im Jahr auftreten, das neue WDR-„Tatort"-Team aus Münster (Axel Prahl, Jan Josef Liefers) soll zweimal zum Zuge kommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar