Medien : Volksfürsorglich

Angela Merkel, Joschka Fischer und Gerhard Schröder im Fernsehwahlkampf

Barbara Sichtermann

„Sommerinterview“ klingt ja so, als brauche man nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, es klingt nach freiem Himmel, freiem Geist und Humor. Aber die beiden Rede-Antwort-Spiele vom Sonntagabend waren eher winterlich steif. Angela Merkel wurde im „Bericht aus Berlin“ (ARD) von dem Duo Thomas Roth und Thomas Baumann zum Gespräch gebeten, Joschka Fischer von Peter Hahne für „‚Berlin direkt“ (ZDF). Merkel wollte in Potsdam zu Füßen des Einstein-Turms Rede und Antwort stehen und Fischer in einem Klostergarten der Toscana. Gutes Wetter hatte man, aber keine gute Stimmung. Wie auch? Selten wohl sind die vertrauten Rituale rund um den Wahlkampf, das Herausfordern und das Standhalten, das Angreifen und das Parieren, das Zähnezeigen und das Runterputzen, mit so wenig Schmackes absolviert worden. Als wüssten beide politischen Lager: Ob wir gewinnen oder verlieren, die Karre steckt fest.

Besonders die CDU-Kanzlerkandidatin Merkel schien sich gar nicht auf den Sieg zu freuen. Sorgenfalten setzte sie gleich zu Beginn reichlich auf, und es wurden immer mehr. Auf die Frage, warum sie denn im Osten keinen Bonus habe und die Heimat den Populisten um Gysi und Lafontaine überlasse, redete sie sich raus mit: „Ich möchte die Kanzlerin aller Deutschen sein.“ Sie kandidiere doch nicht als Ossi, sie wolle „keine neue Teilung“. Schließlich gehe es um den „Umbau Deutschlands“ nach dieser „Richtungswahl“. Das blieb alles schön allgemein und voller guter Absichten, ganz wie die Fragen von Roth und Baumann. Man tat seine Pflicht und betete die Latte runter, da flog kein Funken, wärmte kein Optimismus. So beflügelt die CDU-Kanzlerkandidatin kaum Wähler.

Fischer ist als Redner berühmt, aber er hat mittlerweile seine „Hohes-Ross“-Attitüde mit dem entsprechenden „Ach, wissen Sie...“-Genöle derart perfektioniert, dass sein Talent leidet. Zu sagen hatte auch er nichts Rechtes. Außer natürlich, dass Rot-Grün viel geleistet habe und dass er „große Sorgen“ hege, die Falschen könnten das alles wieder kaputtmachen. Auf Hahnes Frage, ob er ein As im Ärmel habe in Sachen neue Linkspartei, verkündete Fischer doch tatsächlich: „Politik ist kein Kartenspiel.“ Eben. Als es noch so war, als die spielerischen und kämpferischen Elemente der politischen Auseinandersetzung noch durchbrachen, hatte man wenigstens im Fernsehen was davon.

Man konnte ja annehmen: Es ist alles eine Temperamentsfrage. Merkel ist als Ossi zugleich irgendwie nördlich, jedenfalls eher ruhig. Und Fischer ist nur richtig gut, wenn er schimpfen kann. Also darf man von beiden keine sommerlich-erfreuliche Stimmungsmache erwarten.

Nun kam ja am Sonntag auch noch der Kanzler dran, und zwar bei „Sabine Christiansen“ (ARD). Sein Auftritt wurde von einer Klatschorgie des Saalpublikums begleitet, und Christiansen fragte auch gleich anzüglich, ob der Applaus über das Umfrage-Tief hinwegtrösten könne.

Nach einem Geplänkel über die Idee mit den Neuwahlen, die sich ja wohl als Eigentor erwiesen hätte, kam Christiansen zur Sache: „Was ist Ihr Ziel?“ Und während Schröder ausholte und die „inneren Reformen“ beschwor, die „Deutschland stärker machen“, beharrte Christiansen auf einem viel pragmatischeren Zielverständnis. „Große Koalition?“ Aber so konkret wollte Schröder nicht werden, er bestand darauf, dass die wichtigen „Fragen sich die Konstellationen und Koalitionen suchen, in denen sie verwirklicht werden“. Tatsächlich ging vom Kanzler wie stets die Würde des Machers aus. Nur dass er eben nicht das gemacht hatte, was er und sein Volk hofften und brauchten. Das kratzte dann doch am Image. Schröder spürte das – und bat sich mehr Zeit aus. „Ich kann nicht alles über Nacht regeln.“

Ob Politiker im Fernsehen gut rauskommen, hängt von einer Gabe ab, die sie haben oder nicht, nennen wir sie: Kommunikation. Schröder kann kommunizieren, was auch heißt: sich auf sein Gegenüber einlassen, ihm zuhören und antworten. Frauen schreibt man diese Gabe ja sowieso zu, aber wahrscheinlich macht es einen Unterschied, ob die Kommunikation privat oder öffentlich erfolgt. Denn Merkels diesbezügliche Fähigkeiten sind nicht besonders ausgeprägt. Sie spult Sentenzen ab, sie schöpft viel zu wenig aus der Situation, macht keine Witze, nutzt nicht den Moment.

Merkel bemüht sich um Konzilianz, fühlt sich aber bei Interviews sichtlich nicht wohl und wirkt entsprechend gedrückt. Fischer begibt sich sofort mit den Journalisten in Konkurrenz: Wer ist der Witzigere? So entsteht eine Spannung, die öfters einfach platzt, ohne dass etwas passiert. Der stärkste Kommunikator ist Schröder. Er lässt sich auf sein Gegenüber ein, er stellt Kontakt zum Saalpublikum her, er hat Geduld, er erklärt verwickelte Zusammenhänge, und er rät einem SPD-Abtrünnigen, doch bitte nicht in die „komische Partei“ einzutreten, die sich da gerade konstituiert hat, er sagt mit Stentorstimme: „Ich bin fest überzeugt.“ Wovon? Von sich. Immerhin einer. Er wird den Fernsehleuten ganz schön fehlen, wenn er die Wahl verliert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar