Medien : Volle Granate

Drehbuchstudenten bieten RTL eigenwillige Serie an

Verena Friederike Hasel

Sie war Kriegsberichterstatterin in Afghanistan, sah ihren Freund dort sterben. Ihr Zuhause hat die 29-jährige Anna hinter sich gelassen. Das Leben im Freizeitpark, der ihren Eltern gehört, behagte ihr nie. Nun ist ihr Lieblingsonkel schwerkrank. Sie kehrt zurück zu Kettenkarussell und Western-Saloon, Gruselkabinett und Streichelzoo. Wie Anna sich zurechtfinden wird, kann man womöglich bald im Fernsehen sehen. Anna ist die Hauptfigur von „Zuckerwatte und Granaten“, einer Serie, die acht Studenten der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) entwickelt haben. Sie sind die ersten Absolventen der Masterclass „Die eigene Serie“, die dieses Jahr an der Filmhochschule eingeführt wurde.

Heute stellten die Jungautoren ihren Serienentwurf RTL-Fiction-Chefin Barbara Thielen vor. Damit bekommt der Sender anderes als das handelsübliche deutsche Serienmaterial geboten. Annas Mutter ist Alkoholikerin, ihr Bruder wohnt im Gruselkabinett, die Einnahmen vom Freizeitpark werden immer geringer. Eine Familie, so wunderlich wie disparat, die zusammenhalten muss – das erinnert an „Six Feet Under“. Tatsächlich haben die Serienschüler das von Kritikern hoch gelobte US-Epos um zwei ungleiche Brüder, die das väterliche Bestattungsinstitut übernehmen, gesehen – und ihre anderen Lieblingsserien, zumeist englischsprachige, auch. So schwärmt Valeska Köbl von „Shameless“, das im Arbeitermilieu in Manchester spielt. „Diese Bodenhaftung vermisse ich in deutschen Hochglanzserien“, sagt die 31-Jährige. Und Nataly Savina ergänzt: „Die deutschen Redakteure müssen sich mal was trauen.“

Zur Vorbereitung auf ihre eigene Serie machten die Studenten Wahrnehmungsübungen: Wie verläuft der Tag in einer Fastfood-Kette? Wie leben Nonnen im Kloster? Ein Mann namens Egon, tätig in einem Freizeitpark, wurde die erste Figur der Serie. Wie beim Domino kamen weitere Charaktere dazu, bis Anna zur Hauptfigur wurde. Die Dramaturgie beherrschen die Studenten. So sorgt in „Zuckerwatte und Granaten“ die Tatsache, dass die Achterbahn zum Tüv muss, mitten im größten Familienärger für komische Entlastung. Doch haben die Serienschüler im Bemühen um gesellschaftliche Relevanz ein wenig übertrieben: Neben der Alkoholikermutter gibt es einen Schwulen und eine illegale Migrantin, Anna leidet selbst unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Das dürften Kinderkrankheiten sein, die leicht zu überwinden sind. Wichtiger ist das Interesse von RTL. Der Privatsender hat die Masterclass gesponsort. Wird nun aus dem Deal mit RTL nichts, müssen die Serienschüler ihren Anspruch, die Brücken zwischen Kunst und Kommerz zu schlagen, herunterschrauben und für bestehende Formate Hochglanz schreiben. Verena Friederike Hasel

0 Kommentare

Neuester Kommentar