Medien : Vom Call-in bis zur Bahnstrecke

Schlaflos vorm Fernseher: auf den Spuren von Pförtnern und Nachtschwestern. Ein Selbstversuch

Carolin Jenkner

Nachts um 2 Uhr 30, schlaflos in Deutschland. Lesen bringt nichts, also mit einer heißen Schokolade vor den Fernseher kuscheln und zappen. „Rufen Sie an!“, fordert ein braunhaariger Moderator namens Thomas Schürmann. Neun Live erwischt? Nein: „Das Filmquiz“ auf Kabel 1. „Wir suchen immer noch sieben Wörter, die mit ,Schul-’ beginnen“, quasselt der Moderator. Schulbank und Schultüte sind schon aufgedeckt. Umschalten. Eine Wiederholung von „Sturm der Liebe“ läuft im Ersten, „Oliver Geissen“ talkt auf RTL. Statistisch gesehen gucken 2,55 Millionen Menschen in Deutschland zu dieser nachtschlafenen Zeit fern. Wenig, wenn man bedenkt, dass es in der Primetime zwischen 20 und 23 Uhr fast 29 Millionen sind.

Rund 100 000 Menschen müssten gerade die Call-in-Show „Night-Loft“ auf Pro 7 schauen. Genauso viele Zuschauer dürften es sein, die sich die Reportage zum 250. Todestag von Isaac Newton im ZDF reinziehen. In der Nacht ist die normale Zuschauerverteilung aufgehoben. Zwischen 0 Uhr 30 und 5 Uhr 30 entfallen 55 Prozent der Fernsehnutzung auf die größten Sender ARD, ZDF, RTL, Sat 1, Pro 7 und die dritten Programme. Tagsüber haben sie gut 70 Prozent Marktanteil.

Den Sendern ist die Nacht deshalb weniger wichtig. Für die Zeit zwischen Nacht- und Morgenmagazin haben ARD und ZDF kein eigenes Budget. Das Programm kommt aus der Konserve. „Kostenneutral“ soll die Nachtschiene sein, aber auch serviceorientiert. Das ZDF setzt auf den Dreiklang Spielfilm, Talk, Information. Wer Johannes B. Kerner abends verpasst, kann sich nachts die Wiederholung angucken. Nur wenn in den USA gewählt wird oder ein anderes wichtiges Ereignis in der Nacht stattfindet, wird live gesendet. Die Sender der Pro Sieben Sat1-Gruppe bestücken ihre Sendeplätze ebenfalls mit Wiederholungen, aber sie haben auch Live-Shows im Programm – für 49 Cent pro Anruf kann sich der Fernsehzuschauer von einer Astrologin beraten lassen oder eben auf Kabel 1 Wörter raten, die mit „Schul-“ beginnen. Die Sendungen werden im NeunLive-Studio produziert, ohne großen Kostenaufwand. RTL setzt wie die Öffentlich-Rechtlichen auf Wiederholungen. „Oliver Geissen“ & Co. laufen gut. „Im Moment sind wir zufrieden“, sagt RTL-Sprecher Christian Körner. Er sieht keinen Bedarf an Live-Shows in der Nacht. Die Werbung bei den Privaten ist eintönig. Spärlich bekleidete Frauen werben für Erotik-Hotlines. Nur wenige Markenartikler preisen zur Schlafenszeit ihre Produkte an. „Nachts sitzen ja auch die Leute vorm Fernseher, die offen sind für diese Art von Werbung“, meint Andreas Kühner vom Pro Sieben Sat 1-Vermarkter Seven One.

Aber wer guckt denn eigentlich nachts fern? Das haben die Sender untersuchen lassen: Der Durchschnittsseher ist ein Mann, zwischen 30 und 50 Jahre alt, angestellt oder ohne Beruf. Und es sind vor allem Menschen, die nachts arbeiten. Pförtner oder Nachtschwestern, die sich vor der Kiste wachhalten. Für sie kommen um 3 Uhr 15 nochmal „heute“-Nachrichten, dann auf den meisten Sendern Wiederholungen jeglicher Talk- und Soap-Formate.

Wer um 4 Uhr 30 immer noch nicht zur Ruhe kommt, schläft wohl spätestens bei der Bahnstrecke durch Burma im Ersten ein. Denkste! Wehe, eine Strecke geht nicht da weiter, wo sie tags zuvor aufgehört hatte. „Dann gibt es bei uns Protestbriefe“, heißt es bei der ARD-Programmplanung. Carolin Jenkner

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