Medien : Vom Entsetzen zur Ach-ja-Erinnerung

Der 11. September 2001 am 11. September 2004: Wie Katastrophen, Konflikte und Kriege heute Medienkarriere machen

Jo Groebel

Kinder in Todesangst. Verletzte. Explosionen. Wieder erschrecken uns Bilder aus Russland, aus dem Tschetschenienkonflikt. Und doch, obwohl durch Kinder als Opfer noch einmal eine besondere Dimension von Entsetzen hinzukommt, mögen wir wieder sehr schnell zur Tagesordnung übergehen. Zu viele Schreckensbilder begleiten die täglichen Nachrichten, zu sehr haben wir uns vielleicht an den vermeintlich regional begrenzten Terror gewöhnt. Da mag auch für die Zuschauer in übertragener Form gelten, was eine tschetschenische Mutter, die nicht unmittelbar betroffen ist, vor laufender Kamera über die Geiselnahme sagt: „Mir reicht mein eigener Schmerz.“

Schnitt. Die Bilder haben keine Regie. Die Bilder sind ohne erkennbare Dramaturgie. Moderatoren und Zuschauer suchen ratlos nach der Bedeutung. Damit sind die herkömmlichen Gesetze des Fernsehens außer Kraft gesetzt. Erst allmählich wird am 11. September 2001 deutlich, dass jemand anderes die Regie übernommen hat. Die journalistische Professionalität kann erst Schritt für Schritt wieder das Ruder übernehmen. Damit ist an diesem Tag das Medium als beruhigende Schranke zwischen dem Ereignis und dem Zuschauer zunächst verschwunden. Die Unmittelbarkeit der Bilder entspricht der Unmittelbarkeit des eigenen Lebens. Manches kann man planen, vieles, vielleicht das Meiste, ist unvorhersehbar bis hin zu den großen Schicksalswendungen. Zugleich schafft die inzwischen übliche Allgegenwart von Kameras, die eben auch den Schrecken des Anschlags ungefiltert und sofort verbreiteten, das eigentliche Wirklichkeitsfernsehen.

Eigentlich haben wir uns daran gewöhnt, dass in der Regel die Krisen auch medial angekündigt werden. Dann tritt zum Beispiel eine Moderatorin vor die Kamera und zählt die Minuten bis zum Beginn eines Krieges ab. So geschehen beim Ausbruch des Golfkrieges Anfang der 90er Jahre, so geschehen auch beim letzten Irak-Konflikt. Zwar sind wir dann beunruhigt, und trotzdem schafft das Geplante der Bilder, das Bewusstsein einer ordnenden Regie schon Distanz.

Neben der historischen Bedeutung des 11. September ist es genau dies, das völlig Unvorgesehene und zugleich in Echtzeit Verbreitete, das Verschwimmen der Grenzen, das uns mit dem Einschlag der Flugzeuge „live“ so trifft, als wären wir tatsächlich physisch dabei.

Noch schaffen in der Regel die bewegten Bilder eine Distanz zwischen dem Geschehenen und uns auch dann, wenn wir uns eigentlich der Dramatik eines Konflikts, einer Krise bewusst sind. Der Kopf empört sich noch über den neuesten Anschlag im Irak, in Israel, in Ossetien. Doch wie oft sind wir wirklich berührt? Zu häufig sind die Ereignisse unterhalb der geschichtsverändernden Dramen geworden oder genauer gesagt, die Bilder darüber, als dass wir jedes Mal erneut betroffen sein könnten. Da schirmt uns schon die psychische Ökonomie ab: Irgendwann ist es einfach zu viel.

Erst recht gilt dieses Abschirmprinzip für die Gedenktage der Weltkatastrophen. Mit zunehmender zeitlicher Entfernung wird die Rührung durch Routine ersetzt, rückt das Unfassbare gnädig aus dem Alltagsentsetzen in die Ach-ja-Erinnerung. Genau das ist das Dilemma der Berichterstattung, der Dokumentation: Den schmalen Grat zu beschreiten zwischen der journalistisch zunächst einmal gebotenen reinen Abbildung eines Geschehens, der Erkenntnis, dass dieses Geschehen keinen, auch nicht den Routinier kalt lassen kann, und dem potenziellen Gewöhnungseffekt gegenüber dem bildlich immer Ähnlichen: Toten, Bomben, Trauer Schmerz.

Vermutlich gilt im Kleinen wie im Großen, dass Ereignisse wie die Bilder darüber je ihre eigenen Karrieren haben. Sie verlaufen allerdings nicht zwangsläufig parallel. Im „Kleinen“ brachen in der Berichterstattung schon immer Geschehnisse plötzlich ab, ohne dass sie tatsächlich ein Ende gefunden oder wir auch nur ein Zwischenresultat erhalten hätten. Mancher erinnert sich noch an Jahre des nachrichtendominierenden Nordirland-Konflikts, bis der schließlich durch anderes, Spektakuläreres in Schlagzeilen und Topmeldungen abgelöst wurde. Auch wenn die Kämpfe zunächst unvermindert angehalten hatten. Umgekehrt tauchen Dramen scheinbar aus dem Nichts in der täglichen Bilderwelt auf, durch eine plötzliche Wendung, ein „interessantes“ Detail, eine Zufallsbeachtung, die sich in Wirklichkeit lange entwickelt hatten. Der Sudan jetzt, Ruanda vor vielen Jahren sind hier Beispiele.

Im „Großen“, im „ganz Großen“, bei den weltverändernden Ereignissen sehen die Karriereverläufe anders aus. Aktuell entsteht, beim Ausbruch der Irakkriege, beim 11. September augenblickliche Beachtung. Die Tiefpunkte menschlichen Zusammenlebens können, nicht zynisch gemeint, Sternstunden professioneller Berichterstattung sein. CNN positionierte sich bei mancher Kritik im Golfkrieg der frühen 90er endgültig auf dem globalen Markt. RTL fand in Deutschland am 11. September herausragend Anerkennung für seine angemessene Berichterstattung zwischen nüchterner Beschreibung und dem unvermeidbaren Berührtsein in der Moderation, das auch den Zuschauer unweigerlich in das Drama hineinzog.

Dass die folgenden Wochen jeweils von den entsprechenden Bildern dominiert werden, versteht sich. Doch verlieren auch die schockierendsten Szenen ihre Wirkung, wenn sie in der ständigen Wiederholung zum dramaturgischen und dann zum Jaja-Reflex des Zuschauers werden, um schließlich je nach Kontext zu enden als Geschichtsmarkierungen ohne Emotion, als visuelle Betroffenheitsklischees oder als ästhetische Ikonen mit Postkartenreife. Auch hier ein Dilemma. Ein Bild, bewegt oder eingefroren, kann die Substanz, kann die Komplexität eines ganzen Dramas wiedergeben. Das fliehende vietnamesische Mädchen, gezeichnet von Napalmbomben, sagt, angemessen oder nicht, den meisten Betrachtern mehr über den damaligen Krieg als Berichte, Analysen, Kommentare. Zugleich mag das Foto manchem auch als Vehikel für selbstgerechtes Antikriegs-Wohlfühlen ohne Handlungskonsequenzen gewesen sein. Und natürlich landete die Abbildung letztlich auch auf Plattencovers, an Posterständen und in Sixties-Bildbänden, nicht unbedingt zum Ergötzen, aber zur Reminiszenz von Protestveteranen. Die Bedeutung jedenfalls hatte sich gewandelt.

Wie gehen wir nun mit den Bildern des 11. September um? Nach drei Jahren, so behaupte ich, sind wir in einer seltsamen Grauzone gelandet. Noch zu frisch, um schon rein historisch betrachtet zu werden. Schon zu alt, um immer noch aktuellen Schrecken zu verbreiten. Auch wenn wir vielleicht noch nicht einmal die Spitze des Nachbebens erreicht haben. Zu häufig gesehen, um immer noch ins Mark zu treffen. Zu wenig, um das Unfassbare in die Spur des Abgeklärten bringen zu können. Und so werden wir Mitte des Monats einen seltsamen medialen Zwiespalt erleben. Sofern nicht schon makabre, neue Schrecken den alten überlagern mit zynischen Zahlenspielen der Terroristen wie bei den 911 Tagen zwischen New York 2001 und Madrid 2004, werden dosierte Bilder am Jahrestag die Gedenkverpflichtung (und -bereitschaft) routiniert wahren. Zugleich wird der Übergang zur historischen Retrospektive eingeläutet werden. Dann rücken Guido Knopps Hitlerbilder, das 60er-Jahre Vietnam und eben auch der New Yorker Anschlag visuell etwas näher zusammen.

Es mag nicht der Hauptlogik der Terroristen entsprechen, über Jahre den Bilderkarrieren, ihren Wirkungen und der zunehmenden Distanz genau zu folgen. Aber sicherlich ist die Erzeugung traumatisierender und vor allem unmittelbarer, weil nicht von journalistischen Profis kontrollierten Szenen, ein Kalkül ihres Handelns. Im „Kleinen“ können wir es inzwischen fast täglich erleben, die Tötungsvideos aus dem Irak, sicher auch die Anschläge und Geiselnahmen in Russland und anderswo zielen genau auf Aufmerksamkeit und Schrecken ab. Sie haben aber durch ihre Häufung und ihre schon nicht mehr die Welt ins Mark treffende Ausprägung nur noch begrenzte Effekte. Auch hier ist die Distanz schon zu groß geworden. Damit ist ein zentrales Prinzip der visuellen Kriegsführung schon außer Kraft gesetzt: Nicht nur Ereignisse schaffen Bilder, Bilder schaffen Ereignisse. Verblasst die Wirkung durch den zeitlichen Abstand, durch die Häufung weniger spektakulärer Eindrücke, nimmt der Druck zu, neue unmittelbare, alles überragende Bilder zu schaffen. Vor drei Jahren war genau dies geschehen. Das nächste traumatische Großereignis wird unweigerlich seine Karriere in Geschichte und Medien beginnen.

Der Autor ist Direktor des Europäischen Medieninstituts in Düsseldorf und Professor an der Universität Amsterdam.

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