Medien : Vom Glück und anderen Utopien

Tom Peuckert

In ihrem Feature „Unromantisches Abenteuer“ erzählen Heide und Rainer Schwochow eine Fortpflanzungsgeschichte aus Deutschland. Ein Paar in den Dreißigern wünscht sich ein Kind. Beide sind gesellschaftlich sehr erfolgreich, aber jetzt lässt die Natur sie im Stich. Trotz aller Bemühungen will die Zeugung nicht gelingen. Man wendet sich an Reproduktionsmediziner, von denen es in Deutschland mittlerweile ganze Heerscharen gibt. Aus dem romantischen Kinderwunsch wird ein zäher Kampf gegen die Widrigkeiten der Biologie. Das Paar verschwindet zwischen den Apparaturen einer Hightech- Medizin. Die Autoren haben den schwierigen Weg zum Wunschkind begleitet (Kulturradio, 18. April, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Tagsüber sollte der Musikliebhaber besser bei seiner CD-Sammlung verweilen. In den Abend- und Nachtstunden darf er dann getrost bei den Kultursendern nach guter Musik suchen. Wenn irgendwo in Europa ein außergewöhnliches Konzert gespielt wird, kann man den Mitschnitt meist kurz danach im Radio hören. Aus der wöchentlichen Fülle empfehlen wir das Gedenkkonzert zu Kodálys 40. Todestag, das Anfang März in Budapest verantstaltet wurde. Ähnlich wie Bartok komponierte Zoltán Kodály großartige Synthesen aus europäischer Avantgarde und nationaler Tradition. In Budapest stand auch das berühmte Vokalwerk „Psalmus Hungaricus“ auf dem Programm (Deutschlandradio Kultur, 19. April, 20 Uhr 03, UKW 89,6 MHz).

Die deutschen Kunstikonen Joseph Beuys und Heiner Müller sind sich im wirklichen Leben niemals begegnet. Eigentlich erstaunlich, wenn man die ästhetische Verwandtschaft bedenkt. Nun holt Autor Klaus Buhlert das Versäumte nach. In seinem Hörspiel „atlantis tapes“ schickt er Beuys und Müller auf eine gemeinsame Reise über den Ozean. Am Horizont entdecken sie eine Insel namens Atlantis. Etwas Besseres als die zeitgenössische Wirklichkeit sollte es schon geben. Aber wird man auf Atlantis fündig? Oder ist jede Hoffnung auf eine grundsätzlich bessere Welt nur Selbstbetrug? (Kulturradio, 20. April, 22 Uhr 04)

Der große Theatermann Einar Schleef war im Privatleben ein Stotterer. Auf der Bühne dagegen hatte er ein ungeheures Gespür für die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache und entfaltete ein suggestives rhetorisches Talent. Im Feature „Redefluss mit Stromschnellen“ erzählt Ulrike Klausmann eine kleine Kulturgeschichte des Stotterns. Wie der Stotterer in der Populärkultur gern zum Trottel oder Lügner gemacht wird. Wie aber sprachbehinderte Künstler immer wieder gerade von ihrem Handicap zu außergewöhnlichen Leistungen animiert werden. Robert Wilson hat das therapeutische Langsamsprechen im Theater als magisches Stilmittel eingesetzt. Und selbst Demosthenes, der größte Redner Griechenland, soll am Anfang seiner Karriere ein Stotterer gewesen sein (Deutschlandfunk, 22. April, 20 Uhr 07, UKW 97,7 MHz).

Einen Rückblick auf die Epoche der großen Utopien bietet das Feature „Helden der Arbeit“ von Elke Suhr. Anfang der zwanziger Jahre übernahm der russische Revolutionär Leo Trotzki die Aufgabe, die heimische Arbeiterklasse zu höheren Leistungen anzuspornen. Auf der Basis der pawlowschen Lehre von den Reflexen ersann Trotzki eine „Biomechanik der Arbeit“. Im ganzen Land wurden Arbeitsinstitute gegründet, in denen die hocheffiziente Verschmelzung von Mensch und Maschine trainiert werden sollte. Als Henry Ford in Amerika davon hörte, war er begeistert. Er bot den Sowjets einen Deal an: sie lieferten das Menschenmaterial für Versuche zur Steigerung der Arbeitsproduktivität, er würde ihnen die größte Automobilfabrik der Welt bauen (Deutschlandfunk, 24. April, 19 Uhr 15)

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