Medien : Vom Hai geschubst

ARD-Reihe „Unser blauer Planet“ über das Leben im Meer

Simone Schellhammer

Zuerst ist es nur eine riesige, dunkle Silhouette, die langsam näher kommt. Dann plötzlich befindet sich die Kamera Auge in Auge mit dem gewaltigsten Tier, das je auf der Erde gelebt hat. Blauwale können bis zu 200 Tonnen schwer und bis zu 33 Meter lang werden. Allein ihre Zunge wiegt so viel wie ein Elefant. Atmen sie aus, schießt der donnernde Wasserstrahl bis zu neun Meter hoch. Wale sind überwältigend, mysteriös und weitgehend unerforscht – wie das Meer selbst. Wissenschaftler sind der Überzeugung, wir wüssten mehr über die Oberfläche des Mondes als über die Ozeane unseres eigenen Planeten. Mit Hilfe neuer Techniken gelang es nun der BBC in Zusammenarbeit mit Discovery Channel, dem Bayerischen und dem Westdeutschen Rundfunk, die Weltmeere wie noch nie zuvor filmisch zu dokumentieren. In acht Teilen, die von heute immer dienstags in der ARD laufen, zeigt das Team um den renommierten BBC-Naturfilmer Alastair Fothergill das Leben in den Ozeanen, die immerhin 70 Prozent der Erde bedecken.

Insgesamt waren dafür rund 40 Kameramänner fünf Jahre lang an über 200 Orten unterwegs. Die mehrfach preisgekrönte Dokumentation, die rund 11,5 Millionen Euro verschlang, breitet dabei das maritime Leben unter anderem in der Tiefsee, den Polarmeeren und an Korallenriffen vor dem Zuschauer aus. Mit bemannten Tauchbooten geht es acht Kilometer hinab in die Welt der Tiefseegräben, wo die bizarren Anglerfische ihre riesigen Mäuler aufsperren, damit sie das Wenige an Essbarem, das hier vorbeischwimmt, auf jeden Fall erwischen. Ferngesteuerte Kameras zeigen die Unterwasserakrobatik und die verrückten Sprünge der Kaiserpinguine in der Antarktis.

In einer Folge dokumentiert das Filmteam den Weg einer sechs Meter hohen Flutwelle, zum Teil von innen. Gezeigt werden auch winzige Ruderfußkrebse und riesige, transparente Kraken, bunter Korallensex und als Höhepunkt der ersten Folge die Jagd von Orcas auf ein Grauwalkalb: Rund 15 Schwertwale verfolgten dabei im Beringmeer über fünf Stunden lang eine Grauwalmutter mit Kalb, bis das Junge schließlich so erschöpft war, dass beide anhalten mussten. Sie wurden auseinandergetrieben und schließlich töteten die Schwertwale, die auch Killerwale genannt werden, das Jungtier.

„Zum Schluss war ich emotional fix und fertig", berichtet Kameramann Doug Allan, der die Szene nur wenige Meter entfernt von einem Schlauchboot aus filmte. Zu allem Überfluss fraßen die Schwertwale von dem Kalb nicht mehr als den Unterkiefer und die Zunge. Über das Gefühl, zwischen zehn Sandhaien zu filmen, sagt Kameramann Bob Cranston: „Man hat keine Zeit, sich zu sorgen. Die Haie sind sehr neugierig und kommen direkt auf einen zu und schubsen einen. Ich glaube, sie wollen herausfinden, was du für einer bist. Doch ich schubse immer zurück, damit jeder weiß, mit mir musst du rechnen."

Untermalt wird das Ganze von mal dramatischen, mal verspielten Soundeffekten. Den Soundtrack, den es auch auf CD gibt, hat das BBC Concert Orchestra bereits auf Konzerten in London und Hongkong aufgeführt. Außerdem wird gerade eine 90-minütige Kinofassung produziert. Bei all der Opulenz kommt dabei die Information nicht zu kurz: Auf unterhaltsame Weise erfahren die Zuschauer, was die Arktis von der Antarktis unterscheidet, wie man sich als Fisch unsichtbar macht, wie sich Seepferde fortpflanzen, und warum ein Seestern manchmal einen Arm abwirft. Begleitend zur Serie ist ein 380-seitiger Prachtband erschienen, der mit fast unwirklich schönen Fotos und aufschlussreichen Texten die Geschichte der geheimnisvollen Ozeane erzählt. Wer braucht da noch Urlaub am Meer.

„Unser blauer Planet“: ARD, 23 Uhr

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