Medien : Vom Polizeifunk getrieben

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Irgendwo im Ruhrgebiet brennt eine Futtermittelhalle. Wolfgang Wiebold hält die Nase in den Wind. „Riecht auch schon ganz gut“, sagt er. Der Reporter eilt, die Kamera geschultert, zur Unglücksstelle. „Die letzten Meter, wenn du die Flammen siehst, das ist das Aufregendste.“ Wiebold ist ein vom Polizeifunk Getriebener. Er beliefert Fernsehsender seit 30 Jahren mit Bildern von Katastrophen, Unfällen und Verbrechen. Er drehte die ersten Bilder vom Geiseldrama in Gladbeck und war der einzige Kameramann, der es nach der Explosion einer Feuerwerksfabrik in Enschede hinter die Polizei-Absperrung schaffte. Armin Coerper hat Wiebold für die „ZDF-Reportage: Immer dem Polizeifunk nach…“ auf seinen Streifzügen begleitet. Doch bevor die Zuschauer ihn kennen lernen dürfen, verrät der Reporter bereits, was von dem Mann zu halten ist: „Wiebold macht Geschäfte mit dem Grauen, mit dem Unglück anderer“, mahnt Coerper. Und: „Er sieht nur noch seine Bilder, vom Schicksal dahinter sieht er nichts.“

Coerper gelingen durchaus eindringliche Beobachtungen von den Mechanismen der Medienbranche. Wenn Wiebold seine Aufnahmen telefonisch anpreist, schnalzen die Fernsehredakteure um so lauter mit der Zunge, je höher die Flammen schlagen und je mehr Opfer zu beklagen sind. Dennoch liefert Coerpers Film nicht das Material, mit dem sich seine moralische Besserwisserei rechtfertigen ließe. Bilderjäger Wiebold entpuppt sich nicht als seelen- und gefühlloses Reporter-Klischee, sondern als einer, der den gesehenen Schrecken mit aller Kraft verdrängen will – und es im Grunde nicht schafft. Wieso aber hetzt Wiebold so ruhelos durchs Leben, dass er kein Privatleben kennt? Welche Kriterien gelten für die Bilderauswahl? Von dem so wortgewaltig beschworenen „Geschäft des Grauens“ erfährt man wenig. Übrigens zählt auch das ZDF zu Wiebolds Abnehmern.tgr

„Immer dem Polizeifunk nach ...“, ZDF, 18 Uhr 30

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