Medien : Vom Regen in die Traufe

Uwe Vorkötter verlässt die „Berliner Zeitung“, um bei der „Frankfurter Rundschau“ Wolfgang Storz abzulösen

Ulrike Simon

Die Logik erschließt sich nicht auf Anhieb. Uwe Vorkötter, 52, wird spätestens zum 1. Juli Chefredakteur der finanziell angeschlagenen „Frankfurter Rundschau“. Seinen Vertrag als Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ hat er von sich aus aufgelöst, nachdem er seit Herbst vergangenen Jahres gegen die neuen Verlagseigentümer, eine Gruppe anglo-amerikanischer Finanzinvestoren, rebelliert hatte. In einem Brandbrief hatte er damals in der „Berliner Zeitung“ vor Veronis Suhler Stevenson (VSS) und David Montgomerys Mecom gewarnt. Er sah die Qualität des Blattes und die Pressefreiheit gefährdet. Bisher gibt es dafür keine Anzeichen. Auch musste die Redaktion bislang keinerlei Einschnitte erleiden. Aus eigenen Stücken verlässt Vorkötter nun die Redaktion, vor die er sich zunächst schützend gestellt hatte.

Am Dienstagvormittag teilte Vorkötter in Berlin mit, dass er an die Spitze der „FR“ wechseln wird. Zeitgleich wurde in Frankfurt den Ressortleitern der „FR“ mitgeteilt, der Verlag habe sich „mit sofortiger Wirkung“ vom bisherigen Chefredakteur Wolfgang Storz getrennt. Die SPD-Medienholding DDVG (Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft), mit 90 Prozent Mehrheitseigentümerin der „FR“, war zu Stellungnahmen nicht bereit. Intern hieß es, Storz gegenüber soll die DDVG ihren Entschluss am Dienstag mit fehlendem Grundvertrauen begründet haben. Das Angebot einer einvernehmlichen Lösung habe Storz abgelehnt.

Offensichtlich geht das fehlende Grundvertrauen zwischen DDVG und Storz auf die Zeit im Herbst vergangenen Jahres zurück. Damals verweigerte Storz rigide Sparpläne, was bei einer Betriebsversammlung zu Auseinandersetzungen geführt hat. Seither schien es, als hätten die Spannungen nachgelassen. Erst vor wenigen Tagen hatten sich Storz und Geschäftsführer Karlheinz Kroke auf den Redaktionsetat für 2006 verständigt.

Seit Jahren befindet sich die „FR“ in einer Finanzkrise. Der Verkauf an die DDVG rettete das Blatt 2004 vor der Insolvenz, seither wurde das Verlagshaus in der Innenstadt verkauft, Personal massiv abgebaut, vieles umstrukturiert. Die Bilanz ist weiterhin rot. Aktuell steht die „FR“ erneut zum Verkauf. Interessenten sind DuMont Schauberg und vor allem der zu einem knappen Viertel der SPD gehörende Madsack-Verlag. Es ist davon auszugehen, dass der Wechsel in der Chefredaktion mit dem künftigen Besitzer abgesprochen wurde. Ob die DDVG für die etwas mehr als 50 Prozent tatsächlich einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag erhält, ist zweifelhaft.

Branchenkenner sehen in Vorkötters Berufung zur traditionell gewerkschaftlich orientierten „FR“ das Signal für einen publizistischen Kurswechsel, zumal sich seine Ansichten zu Wirtschafts- und Sozialpolitik deutlich von Storz’ unterscheiden. Zudem dürfte die DDVG, die sich in der Vergangenheit vehement gegen Finanzinvestoren in der Zeitungsbranche ausgesprochen hat, in Vorkötter einen Mitstreiter sehen.

Bei der „Berliner Zeitung“ ist nicht entschieden, wer von den beiden Stellvertretern Vorkötters Nachfolge antreten wird: Brigitte Fehrle – oder doch eher Hendrik Munsberg. Aus Montgomerys Umfeld heißt es, auch eine externe Lösung wäre denkbar. Manche hoffen, Vorkötters Abgang könnte das vergiftete Klima zu den Verlagseigentümern und der Geschäftsführung befrieden, so dass die leidige Zeit des Abwartens bald vorbei ist. Und vielleicht, glauben andere, schafft es der neue Chefredakteur gar, den Eigentümern Zugeständnisse abzutrotzen – etwa den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen.

Am gestrigen Dienstagnachmittag verhandelte der Redaktionsausschuss mit der Verlagsführung über die Zustimmung zu dem geforderten Redaktionsstatut. Darin heißt es unter anderem, dass die Redaktion ein Mitspracherecht bei der Bestellung des Chefredakteurs hat. Am Abend stand zumindest fest: Am 29. Mai wird über das Statut weiter verhandelt.

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