Medien : Von Berlin nach RIO

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Von Kerstin Decker

Der Rundfunkrat schwebt über den Dächern. 14. Stock im SFB-Turm, das Sendegebiet übersichtlich darunter ausgebreitet. Von hier aus scheint jede Lage beherrschbar, sogar die eigene. Zum ersten Mal seit über vierzig Jahren soll an der Masurenallee etwas anders werden. Nicht nur ein bisschen anders, sondern ziemlich anders. Man wird fusioniert, einfach so, von heute auf nächstes Jahr. Und dann noch mit dem Osten. Ja, geht denn das? Die SFB-Rundfunkratsmitglieder wirken gefasst. Die meisten sind schon weg.

SFB-Noch-Intendant Horst Schättle nickt wehmütig. Ob ihm der „RIO“ für die neue Anstalt gefallen könnte? „RIO“ – „Rundfunk im Osten". Klingt wie „RIAS“ und trifft den Kern der Sache. Dass Zwangsvereinigungen nun schon einem Ex-Frontstadtsender passieren! Von den Roten zweier Länder vereinigt zu werden, das ist demütigend. Es soll SFB-Mitarbeiter geben, die über diese Kränkung nicht hinwegkommen. Doch keiner sagt was Vernehmliches. Vor zwei Monaten stand Hansjürgen Rosenbauer, der ORB-Intendant, hier oben im 14. Stock und begann: „Da ich in diesem Gremium niemanden davon überzeugen muss, dass die Schaffung einer Zweiländeranstalt sinnvoll und richtig ist…“ Er hatte Recht. Rosenbauer muss auch weiter unten keinen überzeugen. Gemeinsam wird man stärker sein.

Hessisches-Rundfunk-Niveau, sieben Prozent Programmanteil. Nein, niemand ist wirklich dagegen, nicht beim SFB, nicht beim ORB. Das Problem: Es ist auch keiner wirklich dafür. Der Rosenbauer-Satz ging so weiter: „… möchte ich ein paar Gedanken zu dem entwickeln, was Aufgabe und Profil dieses Senders sein könnte.“ Da haben sich manche vor dem ORB-Intendanten erschrocken, es klang ja wie eine Kandidaten-Rede. Die erste wirklich deutsch-deutsche Programmwerkstatt im Bereich der Medien könnte der neue Sender werden, sagte der ORB-Chef und ließ durchblicken, dass er „Tatort“ oder „Polizeiruf“ nicht gerade für Werkstatt-Formate hält. Ein Mann mit Visionen.

Die nächste Vision war der Rosenbauer-Sozialpakt. Wer beim ORB arbeitet, verdient nämlich weniger als beim SFB. Sowas erschwert Fusionen. Ist doch ganz einfach, überlegte Rosenbauer, die SFB-Leute geben ein wenig ab, die ORB-Leute bekommen was dazu, und alle sind zufrieden. Die Empörung klirrt noch heute in der Stimme der SFB-Personalrätin Hanne Daum. Der ORB-Intendant habe da wohl was durcheinander gekriegt. Ost-West-Angleichung laufe von unten nach oben, nicht umgekehrt! Aber kann sie sich vorstellen, dass Menschen im selben Sender mit verschiedenen Gehältern arbeiten? – Warum nicht, antwortet die Personalrätin, für den Anfang? Noch eine Rosenbauer-Idee gibt es, gegen die Hanne Daum kämpfen wird. „RIO“ soll nur noch 1400 Mitarbeiter haben, wenn es nach Rosenbauer geht. SFB und ORB haben zusammen 1800.

Gefragt, was für ihn die nach zehn Jahren ORB wichtigste Erkenntnis war, hat Rosenbauer mal gesagt: Dass es den ORB überhaupt noch gibt! Solche Erkenntnisse unterscheiden SFB und ORB. Nie hat sich der SFB gewundert, dass es ihn noch gibt. Erstaunlich scheint vielmehr, dass es ihn bald nicht mehr geben soll. Der ORB, ein Provisorium von Anfang an, jenseits des ARD-Finanzausgleichs, hat sich immer nur verändert, und mit ihm seine immer wieder überprüften Mitarbeiter mit ihren vor zwölf Jahren komplett umgestülpten Leben. Nur dass sie in die ARD-Pensionskasse einzahlen mussten, obwohl sie da gar nicht drin waren, haben sie nie ganz verstanden. Euphoriker nennen den ORB eine schlanke Anstalt, andere sprechen von Magersucht. Wer will da noch was sparen? Das macht die ORB-Leute so gelassen. Ob sie das bisschen Fusion überhaupt merken werden? Der Ex-Frontstadtsender dagegen ist der letzte real existierende sozialistische Betrieb. Wenn ich da reingehe, sagt einer vom ORB, denke ich jedes Mal, ich komme in eine Gruft. Der Mann aus dem gerade modernsten Radiohaus Europas gibt zu, dass es sich um eine symphatische Gruft handelt. So unirritiert vom Lauf der Zeit und vom neuesten Stand der Technik. Und wie viele Pförtner die haben! Einmal musste er für seine Sendung am Sonnabend ein aktuelles Überspiel beim SFB abholen. Ging nicht, weil der zuständige Pförtner am Sonnabend nicht arbeitet.

Der Osten hat den Sozialismus schon hinter sich. Das macht ihn jetzt doch ein bisschen überlegen. Und dass sein Intendant offenkundig noch was vorhat. SFB-Schättle dagegen hat nichts mehr vor. Die Zukunft seines Senders, das hat er gesagt, wird nicht mehr seine sein. Manchen SFB-Mitarbeitern käme es wie eine „feindliche Übernahme“ vor, wenn Rosenbauer Gemeinschafts-Intendant würde. Die CDU mag Rosenbauer auch nicht. Die halten den wirklich für rot, sagt der Ex-PDS-Pressesprecher, „ND“-Feuilletonchef, ORB-Rundfunkrat und Biermann-Nachmieter, Hanno Harnisch. Das ORB-Rundfunkratsmitglied kennt sich mit Farben aus und weiß, dass Rosenbauer gar nicht rot ist, eher konservativ, kulturkonservativ.

Menschen wie Hanno Harnisch – Rundfunkratsmitglieder – sind wichtig, denn sie wählen den neuen Intendanten. Der neue SFB/ORB-Rundfunkrat muss erst noch zusammengesetzt werden, aber noch weiß keiner genau, wer in einen Rundfunkrat gehört und wer nicht. Harnisch findet, dass Parteienvertreter zum Beispiel überhaupt nicht reingehören, obwohl er selber einer ist, und man solle sich an der BBC ein Beispiel nehmen. Der Europarat sieht das auch so. Aber den Arbeitslosenverband könnte sich Harnisch im Rundfunkrat vorstellen. Weil Arbeitslose die meiste Zeit zum Fernsehen haben? Harnischs Partei sind inzwischen noch viel mehr unabdingbare gesellschaftliche Repräsentanten im Rundfunkrat eingefallen – Landesmusikrat, Filmverband, Humanistischer Verband… Es wird noch dauern bis zur Einigung. Hanno Harnisch ist ein großer Befürworter der Fusion, denn die größte Katastrophe wäre, wenn alles weitergeht wie bisher. „Es ist gemein, zum ORB ,Landfunk Brandenburg’ zu sagen; es nicht zu sagen, ist auch nicht richtig. Es ist gemein, zum SFB ,Stadtteilsender Charlottenburg’ zu sagen; es nicht zu sagen, ist auch nicht richtig.“ Was den Vorsitzenden des ORB-Programmausschusses am meisten stört, ist, dass sich noch kein Mensch zum künftigen Pogramm äußern will. Dass ORB-„Klartext“ und SFB-„Kontraste“ zusammengelegt werden, ahnen die meisten. Aber zwei Kulturmagazine, zwei Ratgebersendungen? Kann man einem Prignitzer denselben Rat geben wie einem Charlottenburger? Die südlichen Ränder Brandenburgs sehen heute schon öfter MDR als ORB.

Und was sehen die Pförtner des SFB? Früher haben sich SFB- und ORB-Redakteure von Parallelressorts eher gemieden, obwohl sie sich kannten. Heute, hört man, finden vor allem zwischen den Jungen bereits konspirative Treffen statt. Das muss sie sein, die „Fusion von unten".

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