Medien : Von Brecht zu den Boybands

Tom Peuckert

Vor genau zwei Jahrhunderten ging das Heilige Römische Reich Deutscher Nation unter. Nur noch eine gotische Ruine, so der Kulturphilosoph Oswald Spengler, sei es am Ende gewesen. In seinem Feature „Reich oder Nation“ erzählt Autor Krischan Schroth die lange, wechselvolle Geschichte des Imperiums. Otto der Große hat es gegründet, der Adler war sein Wappentier. Das Reich hatte einen Reichstag und ein Reichsgericht, seine Grenzen wanderten quer durch Mitteleuropa. Ewig gab es Spannungen zwischen weltlichen Interessen und sakraler Legitimation. Einer seiner Kaiser musste deshalb sogar im Schnee bis nach Canossa laufen (Deutschlandradio Kultur, 2. August, 19 Uhr 04, UKW 89,6 MHz).

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Alfred Traps ist Handlungsreisender in der Trikotagenbranche. Er fährt einen flotten Motorwagen und bezieht ein auskömmliches Gehalt. Hin und wieder gelingt ihm bei seinen Touren sogar eine kleine Eroberung. Aber jetzt hat das Auto eine Panne und Traps braucht ein Bett für die Nacht. Er findet es bei einem pensionierten Richter, der zusammen mit ein paar Freunden ein obskures Gerichtsspiel veranstaltet. Für Abendessen und Wein lässt Traps sich zum Mitmachen überreden. Er gibt den Angeklagten, die anderen wollen ihm einen Mord nachweisen. Traps nimmt es als Spaß, aber die Sache wird bald furchtbar ernst. Schließlich sitzt ein pensionierter Henker mit am Tisch. Friedrich Dürrenmatt hat mit „Die Panne“ eine unsterbliche Groteske auf den vermeintlich harmlosen Normalbürger geschrieben. Vor 50 Jahren entstand eine Radioversion der Geschichte, die noch immer schaurig schön anzuhören ist (Deutschlandradio Kultur, 6. August, 18 Uhr 30).

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Viele männliche Teenager möchten heute in einer Boyband sein. Dann gibt es alle Tage nur Sex, Drogen und Rock n’ Roll. Aber es geht auch anders, wie Heinz Strunk in seinem amüsanten Hörspiel „Fleisch ist mein Gemüse“ erzählt. Zwölf Jugendjahre lang hat Strunk in einer Tanzkapelle namens „Tiffanys“ gespielt. Auf Schützenfesten und Feuerwehrbällen in der norddeutschen Provinz, immer quer durch das Öl der Schlagerbranche. Das männliche Publikum meist betrunken, das weibliche in reiferen Jahren. Dazu quält den Musikus eine hartnäckige Akne. Mehr braucht es nicht für ein ironiegesättigtes Jugendporträt der etwas anderen Art (Deutschlandradio Kultur, 7. August, 0 Uhr 05).

Bekanntlich hat Bertolt Brecht in seinem Künstlerleben manchen Skandal angezettelt. Keiner war gewaltiger als der anlässlich der Uraufführung seines „Lehrstücks“ im Jahr 1929 in Baden-Baden. Theo Lingen spielte einen Mann, der auf der Bühne in viele Teile zersägt wird. Es ging in Brechts schlauem Text auch um die Grenzen des Fortschritts, aber das war dem tobenden Publikum egal. Zu Brechts 50. Todestag hat Regisseur Frank-Patrick Steckel den beinahe verloren gegangenen Urtext des „Lehrstücks“ aus den Archiven gegraben. Ein sarkastisches Spiel, das einen zentralen Konflikt moderner Gesellschaften erörtert. Neu vertont kommt das szenische Oratorium nun ins Radio (Deutschlandfunk, 8. August, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

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Wer damit noch nicht genug Brecht in den Ohren hat, darf beim Kulturradio jeden Nachmittag eine Ballade genießen. Alle einschlägig Verdächtigen sind mit von der Partie: Mackie Messer, der arme B.B., Marie A., Seeräuber-Jenny und Surabaya-Johnny . Es singen Ernst Busch, Helene Weigel, Lotte Lenya und der Meister höchstpersönlich (Kulturradio, 7. – 11. August, jeweils 14 Uhr 15, UKW 92.4 MHz).

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