Medien : Von der Farce zum Fundus

Eberhard Fechner wollte ein „audiovisuelles Gedächtnis“, dann kam die „Deutsche Mediathek“, jetzt gibt es ein Fernsehmuseum

Bernd Gäbler

Loben wir also den Spatzen. Nein, der Vergleich ist ungerecht. Das Resultat ist zwar klein, aber bunt und originell. Es ist also doch noch etwas geworden mit einem deutschen Fernsehmuseum. Es wurde keine unendliche Geschichte, obwohl es zeitweilig so schien, als sei ein Flughafenbau vergleichsweise ein Klacks. Jetzt wohnen eben unter dem Dach der Deutschen Kinemathek zwei Abteilungen: Film und Fernsehen.

Drei wichtige Etappen gab es auf diesem Weg. In der Ära der Bundeskulturministerin Christina Weiss hat es der damalige Chef der Deutschen Kinemathek, Hans Helmut Prinzler, geschafft, eine kleine Satzungsänderung zu bewirken. Seitdem gehört das Fernsehen mit zum Anliegen des zukünftigen Hauses für bewegte Bilder.

Wichtig war: Ohne Abstriche stand der Versorgungskonzern Veolia Wasser zu allen Verpflichtungen, die sich aus einem komplexen Vertragswerk zur Gebäudenutzung mit dem Land Berlin ergaben. Der Vorgängerkonzern Vivendi war ein Mischkonzern, dem auch Medien gehörten. Jetzt sichert der Wasserversorger die Betriebskosten des Museums bis zum Jahr 2012.

Das Gebäude liegt ideal: Nahe beim ehemaligen Vox-Haus, dem Urgestein des deutschen Rundfunks, im Sony- Center, attraktiv für Besucher und Touristen. Und dafür gab es Baumittel: aus Fördergeldern der EU und der Klassenlotterie.

Auf dieser materiellen Basis konnte Wirklichkeit werden, was als Ideal früh geboren war. Geburtshelfer war der Fernsehpionier und bedeutende Dokumentarist Eberhard Fechner („Comedian Harmonists“, „Nachrede auf Klara Heydebeck“, 1992 gestorben). Nicht zuletzt, weil in den Sendern zur „Bandgewinnung“ eifrig gelöscht wurde, plädierte er bereits 1987 dafür, ein „audiovisuelles Gedächtnis“ zu institutionalisieren. An der Berliner Akademie der Künste gründete sich rasch eine Arbeitsgruppe; seit 1994 unterstützte der Senat gar ein „Gründungsbüro“. Aber über Jahre hinweg plätscherte das ideelle Baby mit dem Namen „Deutsche Mediathek“ im Brunnen. Beherzt retten mochte es keiner, aber auch niemand mochte schuld sein, es endgültig zu ertränken. Die Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten half, es über Wasser zu halten.

Mal war zu lesen: „Die Deutsche Mediathek soll im Jahr 2000 am Potsdamer Platz in Berlin eröffnet werden. Sie soll ein Museum oder besser – eine Galerie der Programmgeschichte des deutschsprachigen Hörfunks und Fernsehens werden.“ 1998 hieß es sogar: „Die Deutsche Mediathek ist eines der wichtigsten medienpolitischen Vorhaben der Bundesrepublik.“ Aber es schleppte sich dahin, mit dem Trauerflor als Schwimmring.

Der tatsächliche Beginn musste ein Neubeginn sein, also auch ein Abschied von der Mediathek. Eins ist das Fernsehmuseum auch jetzt gewiss nicht: ein schönes, gemeinsames Projekt der großen deutschen Sender. Zwar hatte auch Bundeskulturministerin Weiss 2002 in einem Interview noch darauf bestanden: „Die Finanzierung müssen vornehmlich die öffentlich-rechtlichen Sender leisten.“ Aber diese winkten gelassen ab. Die ARD verwies auf die Kosten des eigenen Deutschen Rundfunkarchivs und die zusätzliche Betreuung der übernommenen DDR-Archivalien. Modelle dezentraler Archiv-Vernetzung wurden erwogen. Raffiniert beschlossen die Gremienfüchse dann ein Junktim: Man sei dabei, wenn die privaten Sender ebenfalls zahlten. Vor allem war wohl das Bewusstsein dafür gestiegen, dass das viele Stroh im Keller mittlerweile Gold wert ist.

Die ProSiebenSat1-Gruppe hatte nach der Insolvenz des Kirch-Konzerns andere Sorgen, und auch RTL nutzte diese als Vorwand zum Ausstieg. Später zeigten sich Martin Hoffmann als Sat1-Chef und Marc Conrad für RTL aufgeschlossen – allein, beide wurden bald abgelöst.

Jetzt beweisen die Sender ihre Zuneigung immerhin durch Programmbeistellungen. Zwar soll eine Minute „Knight Rider“ bei Universal 2400 Euro kosten; EM.TV will viel Geld für die „Biene Maja“ haben; aber von „Fury“ bis „Sport, Spiel, Spannung“, von der „Maus“ bis zu Hella von Sinnens Kostümvielfalt in „Alles, nichts oder?“ , Raumpatrouille und Blechbüchsenarmee, Frühschoppen und Flipper, Lou van Burg und Bonanza – für herzerwärmende Erinnerungen also und die Fixierung der Sternstunden des flüchtigen Mediums ist gesorgt. Mit den Ausstellungen „Fernsehen ist schön“ oder der frisch eröffneten Fußball-Show haben die Macher um Peter Paul Kubitz bewiesen, dass sie auf kluge Weise populär sein können.

Anders als etwa bei der Deutschen Bibliothek prägt nicht der wissenschaftliche Drang nach Vollständigkeit das Museum, sondern Nostalgie und Frohsinn, Informationen aus Ost und West, die Erinnerung an große Momente und den medialen Alltag sind hier zu Hause. Das ist legitim, denn die Erforschung der Programmgeschichte ist auch nicht das größte Problem der aktuellen Medienwissenschaft.

In den USA existiert bereits seit 1975 ein zentrales „Museum of Television & Radio“, in Frankreich hat die seit 1995 bestehende „Inathèque de France“ rund zwei Millionen Stunden Programm gesammelt, eine ähnliche Einrichtung existiert in Australien, und in der Schweiz gibt es ein Bundesgesetz, das die Programmveranstalter verpflichtet, „Aufzeichnungen ihrer Programme zur Verfügung zu halten, damit diese der Öffentlichkeit erhalten werden können.“ Wäre nicht auch bei uns ein so einfaches Gesetz möglich?

Im wissenschaftlichen Beirat zum Museum sind alle einschlägigen Institutionen vertreten. Sie werden mitreden, mitgestalten, sich hoffentlich nicht nach innen bekriegen, sondern nach außen stark machen für das zart erblühende Stück materialisierten Geschichtsbewusstseins. Die Zahlen lassen das noch nicht erkennen. Mit genau 40 000 Euro ist das ZDF dabei. Zum Vergleich: Für die Rasenpflege am Lerchenberg sind im Mainzer Etat jährlich 60 000 Euro veranschlagt. Exakt diese Summe ist das Fernsehmuseum der ARD wert.

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