Medien : Von einem anderen Stern

Ein Brief an Henri Nannen: zum 90. Geburtstag des Publizisten, Mäzen und Großvaters

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Mein lieber Großpapa,

diesen Brief zu schreiben, fällt ungewöhnlich schwer. Nicht, weil wir so einander nicht schon viele Gedanken mitgeteilt hätten. Nicht, weil das Schreiben uns nicht immer auch verbunden hätte. Sondern, weil die Antwort ausbleiben wird. Heute, an deinem 90. Geburtstag, würde ich dir lieber gegenübersitzen, als diese Zeilen zu schreiben.

Schreiben – man kann nicht gerade behaupten, dass du mich dazu gebracht hättest, Journalistin zu werden „lern doch lieber etwas Vernünftiges“, hast du gesagt. Und doch hätte ich ohne dich vermutlich einen anderen Beruf ergriffen. Als du mir von diesem Weg abrietest, war es zu spät. Wie hättest du mir etwas ausreden können, mit dem ich immer gelebt habe. Namen wie Willy Brandt, Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt gehörten zu meinen „Gute-Nacht-Geschichten“.

Wann immer du uns zum Abendbrot besuchtest, erzähltest du. Geschichten, eine nach der anderen – und manchmal auch dieselben. Nie ging es dabei wirklich um Arbeit. Die Ereignisse, die Menschen und was sie gesagt haben – das war es, was dich fesselte und wovon Du berichten wolltest. Es waren Geschichten, wie du sie erlebt hattest, Dinge, die dich aufregten und Begegnungen, die dich berührt hatten. Damit verlor ich die Scheu vor großen Namen und lernte, was Größe ist und was nur ein Name.

Wenn ich heute in deinen Briefen an den „Lieben Sternleser“ blättere, fällt mir auf, weshalb sich diese Grenze zwischen Beruf und Leben in meinen Augen so verwischen musste. Weil du schriebst, wie du warst: direkt, auch verletzend, wütend, auch ängstlich, anscheinend spontan und immer persönlich, mal von oben herab und ganz nah dran – aus dem Bauch heraus. So klingen diese Briefe. Dass ihnen Bauchschmerzen vorangingen und du stapelweise Papier und etliche Filzstifte verbrauchtest, liest man ihnen nicht an. Wie sagtest du in einem letzten Brief an deine Leser: „Leben ist keine Sache der Analyse, es ist erlebte Geschichte, besser noch: erlebte Geschichten. Geschichten, die Ihnen und mir die Tränen des Lachens in die Augen trieben oder uns in Zorn und Verzweiflung stürzten, die weh taten oder wohl taten, bitter schmeckten oder süß auf der Zunge zergingen, je nachdem, oft auch nach Lust und Laune.“ So hast du das Leben gesehen, so hast du es auch gelebt.

„An Henri Nannen. Nicht anwesend, aber da“, begann Rudolf Augstein seine Rede, vor sieben Jahren im Hamburger Michel, als in ganz Deutschland so viele Menschen um dich trauerten. „Da“ – das beschreibt dich. Du warst immer da – auch für mich und dafür danke ich dir – du warst präsent, nicht zu übersehen, nicht nur wegen deiner Statur. „Wenn Henri Nannen einen Raum betritt, ist der Raum voll“, sagte man. Und der Satz ließe sich fortführen: Weil die Leidenschaft, mit der er lebt, spürbar ist. Eben da. Auch jetzt noch.

Wie oft begegne ich Menschen, die irgendwann mit dir zu tun hatten, oder es mit dir zu tun bekamen – nicht jeder spricht begeistert von Redaktionskonferenzen, in denen dir aber auch nichts gut genug sein konnte, oder von den letzten Stunden vor Redaktionsschluss, in denen du die jeweilige Ausgabe gern komplett verändertest. Die meisten sagen, das Heft sei danach jedes Mal besser gewesen. Die meisten sagen auch, sie vermissen dich. Wie oft begegnen mir deine Worte, die andere zitieren – nicht immer hast du sie auch gesagt. Aber die Menschen erinnern sich, als hätten sie dich gerade getroffen, mit dir gearbeitet, dich geliebt oder verflucht. Der „Stern“ sei eine „Institution (…), die aus der Entwicklung der Bundesrepublik nicht wegzudenken ist“, schrieb Willy Brandt zum 30. Geburtstag des Magazins. Das klingt, als wärest auch du es nicht. Was wird man man dem „Stern“ wohl zum 60. – in fünf Jahren – schreiben?

„Den Streit vermeiden und die Liebe nicht an sich herankommen lassen“ – davon hast du nichts gehalten. Dieselbe Leidenschaft, mit der du dich gegen das Recht der einen und das Unrecht der anderen auflehntest, war es, mit der du Parkbänke in deiner Heimatstadt Emden eigenhändig lackiertest – weil „die – und die daneben auch – nun wirklich einen Anstrich brauchte und es ja schließlich sonst niemand machte“. Halbe Sachen waren die deinen nicht. Mit ganzer Kraft hast du Bäume gepflanzt, die Leser um Spenden für Äthiopien angebettelt, dich auf Breschnjews Schreibtisch gesetzt, damals 1973, weil du nicht akzeptieren wolltest, dass eine Viertelstunde Audienz im Kreml schon alles sein sollte, und mit dieser Energie hast du später Räume für deine Kunst gebaut – alles zu seiner Zeit, alles vor seiner Zeit. Weil es sonst keiner machte. Und weil du glaubtest, dass es die Pflicht eines Journalisten – deine Pflicht – sei, die Dinge zu verändern, indem man sie sich genau ansah und sie dann beim Namen nannte, direkt, verständlich und, bei allem Charme, unerbittlich. Ganz gleich, um was und um wen es sich handelte. Mutig? Nein, du bist kein mutiger Mensch – warst es nie. Was du im Beruf vollbrachtest, wolltest Du im Leben nicht angehen. Und vielleicht, weil du dich auf den „Stern“ konzentriertest, warst du ein besserer Großvater als Vater.

Die Leidenschaft ließ dich die Obersten im Lande hart herannehmen und dich Tabus wenn nicht brechen, so doch verrücken. Sie ließ dich weinen, vor Rührung, in Einsamkeit oder wenn der Berg, vor dem du standest, viel zu groß erschien. Brauchen wir nicht eben das, auch heute? Jemanden, der verrückt, gerade rückt und sich für seine Sache, seine Leser, seine Museumsbesucher, sein Land und dessen Leute einsetzt? Gerade heute. Wenn du nicht da wärest, du würdest hier dringend gebraucht.

Deine Stephanie

Henri Nannen hat den „Stern“ gegründet und wäre am 25. Dezember 90 Jahre geworden.

Stephanie Nannen ist seine Enkelin und Redakteurin des Tagesspiegel.

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