Medien : Von genial bis grausig

Springers „TV Digital“– die dritte Generation der Programmzeitschriften

Ulrike Simon

Der Studentin, die sich den Titel „TV Digital“ schützen ließ, ist zu wünschen, dass sie hoch gepokert hat, als Springer ihr die Rechte abgekauft hat. Denn Programmzeitschriften gibt es in Deutschland wie Sand am Meer; sinnvolle, einprägsame Namen aber kaum noch, wie das vierwöchige „TV 4 x 7“ oder „TV Kofler“ zeigen. Die Letztgenannte von Premiere-Chef Georg Kofler wird im Juni eingestellt. Stattdessen bekommen die 2,9 Millionen Premiere-Abonnenten „TV Digital“ angeboten, zwei Ausgaben lang sogar kostenlos – was die Verlage Gong und Bauer von zwei Gerichten als unzulässig erklären ließen. Zu spät: Bei den Premiere-Abonnenten lag das Springer-Blatt längst in den Briefkästen.

„TV Digital“ ist die erste Programmzeitschrift, die sowohl die 37 frei empfangbaren als auch die Premiere-Sender und weitere digitale Programme auflistet. Am Kiosk kostet sie einmalig 50 Cent. Danach ist zu entscheiden, ob das 14-tägliche „TV Digital“ 1 Euro 40 wert ist. 4,5 Millionen Exemplare wurden von der Erstausgabe gedruckt, den Anzeigenkunden sind 600 000 verkaufte garantiert. Mittelfristig eine Million verkaufte Hefte sind notwendig, damit sich die millionenschwere Investition rechnet. „TV Digital“-Verlagsgeschäftsführer Jochen Beckmann sucht den maritimen Vergleich: „Premiere ist für uns der Außenbordmotor, dank dem unser Boot ,TV Digital’ schnell Fahrt aufnehmen kann“.

Springer ist mit der „Hörzu“ groß geworden und hatte vor lauter Angst, sie zu beschädigen, damals – sieben Jahre nach Einführung des Privatfernsehens – den Einstieg in den Markt der 14-täglichen Fernsehzeitschriften verpasst. Die Pioniere „TV Movie“ und „TV Spielfilm“ haben seither viel, sehr viel Geld verdient. Zu Auflagen-Hochzeiten war die Drei-Millionen-Hürde in Sicht, mittlerweile sind sie kurz davor, unter zwei Millionen zu fallen. „Mit der Senderflut“, glaubt „TV Digital“- Chefredakteur Christian Hellmann, „stoßen sie aufgrund ihrer umfangreichen Filmbeschreibungen an ihre Grenzen“. Hellmann muss es wissen, er war Gründungschef von „TV Spielfilm“. Bei der „dritten Generation der Programmzeitschriften“, jetzt, da die Zukunft des Digitalfernsehens beginnt, will Springer als Pionier mitmischen. Täglich vier Seiten mit auffallend häufig bei Premiere ausgestrahlten Tagestipps und Bewertungen von „genial“ bis „grausig“, acht Seiten Listings, dazu Infos für technikbegeisterte Männer zwischen 25 und 45. Damit könnte Hellmann Blättern wie seinem alten „TV Spielfilm“ schaden.

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