Medien : Von Mandelbrot zu Tschechow

Tom Peuckert

verrät, was Sie nicht verpassen sollten Zuletzt sind sie sogar Munition im Kampf um den Sozialstaat gewesen. Die polnischen Saisonarbeiter, die jedes Jahr im Frühling rund um Beelitz den Spargel stechen. Man hat unter Deutschlands Arbeitslosen niemanden gefunden, der den schweren Job machen will. Ein Beweis, dass in Deutschland Faulheit staatlich subventioniert wird? Feature-Autor Michael Lissek ist nach Beelitz gefahren und hat sich in der Branche umgehört. Spargelstecher arbeiten in strengem Akkord, von einer 40-Stunden-Woche redet hier niemand. Bei Hitze wird die Sache schnell brutal. Wer sind die Leute, die ihn für wenig Geld aus dem Boden holen? „Alle Pflanzen wollen grün werden“ heißt Lisseks spannendes Feature (Kulturradio, 22.Juni, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Der Amerikaner Benoit Mandelbrot gilt als einflussreichster Mathematiker unserer Zeit. Schließlich hat er eine ganz neue Lehre vom Raum erfunden. Mandelbrots „fraktale Geometrie“ geht davon aus, dass die Welt nicht regelmäßig geformt ist. In der Natur gibt es keine gerade Linien oder ebenmäßig geformten Körper. Die Natur ist zerklüftet und schrundig. Mandelbrot nennt es die Rauheit der Welt. Radioautor Matthias Eckolt hat den jetzt 80-jährigen Gelehrten getroffen. In seiner Sendung „Ohne Risiko kein Gewinn“ befragt er Mandelbrot über einen höchst interessanten Aspekt der fraktalen Mathematik. Kann man mit ihrer Hilfe das scheinbare Chaos an den Aktienbörsen berechenbarer machen? Man kann, sagt Mandelbrot. Aber reich werden kann man dann trotzdem nicht (Deutschlandradio Kultur, 23. Juni, 19 Uhr 30).

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Die Literatur kennt viele wunderbare Liebesgeschichten. Anton Tschechows kleine Erzählung „Die Dame mit dem Hündchen“ gehört zu den psychologisch interessantesten. Tschechow schildert die Begegnung zweier einsamer Herzen im russischen Kurort Jalta. Es soll nur ein unverbindliches Spiel sein, schließlich ist man anderswo solide verheiratet. Aber dann schleicht sich ein sonderbarer Existenzzwang ein. Ein fiebriges Doppelleben beginnt. Tschechows Liebe hat etwas Verzweifeltes, ihre Kehrseite ist der Tod. „Das Jalta-Spiel“ nennt der englische Autor Brian Friel seine gelungene Dramatisierung (Kulturradio, 26. Juni, 14 Uhr 04).

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Der Schauspieler liebt es, vor sein Publikum zu treten. Er will, dass alle nur ihn ansehen. Aber manchmal hat der Schauspieler auch grässliche Angst. Lampenfieber ist eine Berufskrankheit, die sich zum Exzess auswachsen kann. In Ulrich Eickhoffs Dokumentarhörspiel „Die Angst des Künstlers vorm Auftritt“ erzählen berühmte deutsche Mimen, wie es ist, wenn der Zuschauerraum zum schwarzen Loch wird. Wenn das Versagen unvermeidlich scheint. Über die Angst des Künstlers, die sowohl Ansporn sein kann wie auch eine Katastrophe (Deutschlandradio Kultur, 27. Juni, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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Stefan Weigls Hörspiel „Stripped“ hat im letzten Jahr den Hörspielpreis der Kriegsblinden bekommen. Eigentlich eine simple Geschichte, aber sie trifft ins traurige Herz der Gegenwart. Der Autor hat sich selbst zum Gegenstand seines Kunstwerks gemacht. Nicht sein seelisches, sondern sein finanzielles Leben wird entblättert. Der Text des Hörspiels ist eine Collage aus Kontoauszügen, nebst dazugehörigem Schriftverkehr mit den Banken. Ein aberwitziger Tanz vorm monetären Abgrund. Dramatische Spannung ergibt sich aus der Frage, ob eine Überweisung rechtzeitig eintreffen wird. Oder wird die Bank diesmal den Hahn endgültig zudrehen. Und damit fast das ganze Leben ruinieren (Deutschlandfunk, 28. Juni, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

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