Medien : Von Nazi-Folklore befreit

„Propaganda“: Politthriller über Medien und Macht

Moritz Behrendt

Wie unsterblich Adolf Hitler zu sein scheint, wie sehr vor jedem Untergang gefeit, das hat das Führer-Revival in den deutschen Medien gezeigt. Nun lädt der NDR zur „Nacht des Dritten Reichs“ ein: In dem Fernsehspiel „Propaganda“ hat Regisseur Horst Königstein jedoch nicht Hitler, sondern das Vermächtnis Joseph Goebbels’ in den Mittelpunkt gerückt. Eine „garantiert knoppfreie Umsetzung der Goebbels-Tagebücher“ erhoffte sich der Publizist Michael Jürgs von dem neuen Projekt des mehrfachen Grimme-Preisträgers Königstein. In dieser Hinsicht werden Jürgs’ Erwartungen noch übertroffen: „Propaganda“ ist nicht nur frei von jeder Nazi-Folklore, das Fernsehspiel kommt als beinahe goebbelsfreie Unterhaltung daher.

Der Medienmogul Harm Weber (Dietrich Mattausch) sieht sich als geistigen Erben des Propagandaministers. Er sammelt Goebbels’ Tagebücher. Ihrer Lektüre verdanke er seinen Erfolg, behauptet Weber, der mit trivialer TV-Unterhaltung reich geworden ist. Nun – der Film spielt im Jahr 1995 – droht sein Geheimnis aufzufliegen. Er lädt sechs Vertraute in ein verlassenes TV-Studio ein. Weber wäre nicht der große Taktiker und Machtmensch, wenn er nicht mit seinen Gästen spielen würde. Diese versuchen sich gegenseitig auszustechen. Was Weber vorhat, wissen sie nicht. Das Werben um Webers Gunst nimmt geradezu groteske Züge an, nachdem dieser den Abend zu einer Frage von Leben und Tod zuspitzt. Aus dem intensiven Zusammenspiel der sieben Charaktere gewinnt der Film weitaus mehr Spannung als aus seinem arg konstruierten historischen Subtext.

Wenn Königstein über die Besetzung des Films spricht, benutzt er immer wieder das Wort „Ensemble“. In der Tat ist „Propaganda“ durch seine reduzierte, aber effektive Dramaturgie auch als Bühnenstück vorstellbar.

Der Film wurde fast ausnahmslos an einem Ort gedreht. Einige Stehlampen und ein Büffet dienen als Requisiten, ansonsten ist das TV-Studio kahl. Die Schauspieler sind fast ausschließlich auf ihr Talent angewiesen, um ihren Rollen Kontur zu verleihen. Dies gelingt neben Dietrich Mattausch vor allem Martin Lüttge. Mit viel Charme stellt er den Konkurrenten Webers dar, der über den Dingen zu stehen versucht. Was das Ganze mit Goebbels zu tun hat, wird im Film nur ansatzweise deutlich. „Wir sind alle Schüler Goebbels’“, sagt Weber zwar. Königstein erklärt, dass die Lektüre von Goebbels’ Tagebüchern ihn mal an „Merkzettel in einer Redaktionskonferenz einer Illustrierten“, mal an „die infame Variante einer Talkshow“ erinnert habe. Doch „Propaganda“ ist kein Doku-Drama, wie es Königstein meisterhaft mit Heinrich Breloer („Die Manns“) produziert hat, sondern ein packendes Kammerspiel. Gutes Fernsehen muss etwas wagen. Das tut dieser durchaus experimentelle Film. Weniger mutig zeigt sich der NDR, der „Propaganda“ erst zur Nachtzeit sendet.

„Propaganda“, NDR, 23 Uhr 25

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