Medien : Von sesshaften Sinti

Hendrik Feindt

Eine geräumige, weißgekachelte Küche. Ein Sessel, drei Stühle, vier Gedecke, ein Tisch. Es nehmen Platz: der Vater und seine drei Töchter. Daneben stehen und sind achtsam: seine Ehefrau, seine Mutter und seine Tante. Sie bedienen. Ein besseres Bild hätte Suzan Sekerci in ihrem vom SWR produzierten Dokumentarfilm „Djangos Erben“ kaum finden können, um die Binnenstrukturen der Familie von Manusch Weiß zu kennzeichnen.

Manusch, bürgerlichen Namens Helmut (die Passgesetze verlangten offenbar einen deutschen Vornamen), ist „Pascha“ – so sagt es freimütig seine Gattin. Ihre Cousine hat es vielleicht kooperativer getroffen. Deren Mann kocht morgens auch einmal den Kaffee. Manusch verkauft Gitarren und Geigen auf Flohmärkten. Sein Wunsch: einen Laden zu haben. Sein Traum: nach Paris zu fahren, nach Samois-sur-Seine, wo alljährlich das Django-Reinhardt-Festival stattfindet, und dort in einem Salonorchester mit Zigeuner-Swing aufzutreten. „Der Reinhardt war ja für uns der Botschafter, der hat mehr für uns getan als jeder Politiker.“ Für uns: das ist die Gemeinschaft der Sinti, im konkreten Fall zugleich eine inzwischen fünfhundertköpfige Familie, die seit 170 Jahren in Hamburg-Harburg ansässig ist.

Bis vor 30 Jahren lebten sie in Wohnwagen. Dann sorgte ein umstrittenes Wohnbauprojekt des Hamburger Senats – gedacht auch als Entschädigung nach den Verfolgungen unter dem NS-Staat – für eine eigene Siedlung. Emil Weiß, mit 80 Jahren der Älteste, erinnert sich gut an den Neubezug. Die Decken fielen damals auf den Kopf, so hoch erschienen sie ihnen. Er riss eine Zimmerwand gänzlich heraus und stellte seinen Wohnwagen heran, um diesen als Schlafzimmer zu nutzen.

Hier wird Sekercis Porträt der Großfamilie Weiß am eindringlichsten: Wenn es nicht allein den Prozess der Akkulturation, sondern auch den fortwährender Ausgrenzung schildert. Als Jugendlicher war Emil Weiß Zwangsarbeiter. Die Waschräume in der Fabrik durfte er nicht betreten. Heute erzählt seine Urenkelin, wie eine Mitschülerin ihr gesteht: „Zigeunerkinder dürfen wir nicht einladen.“ Hendrik Feindt

„Djangos Erben“, Arte, 23 Uhr 20

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