Medien : Von Tieren und Menschen

Triumph des Bewährten: Das neue RBB Fernsehen geht durch Mark und Berlin

Joachim Huber

Die Aufgabe hat ihre Dimensionen. Am 29. Februar startet in Berlin und Brandenburg ein neues Fernsehprogramm, das „RBB Fernsehen“. Es führt die Programme von RBB Berlin und RBB Brandenburg zusammen. Mit dem neuen Programm wird die Fusion von SFB und ORB zum Rundfunk Berlin-Brandenburg auch auf dem Bildschirm vollzogen. Fernsehdirektor Gabriel Heim spricht von einer „Balance zwischen Gewohntem und Neuem“; es kämen so viele Sendungen und Programme neu auf den Schirm wie bei dem Sendestart des ZDF 1963 oder des MDR 1990.

Noch ist das Programmschema nicht an allen Ecken und Enden fertig, das Grundgerüst steht. Es lässt die Zuschauer in der Region nicht erzittern, so grundsolide ist es, es ist mehr klug als mutig geplant. Es ist Ausdruck einer Verunsicherung. Damals, als die Fusion von SFB und ORB und zugleich ein gemeinsames Drittes Fernsehprogramm beschlossen waren, gingen durch die Funkhäuser in Berlin und in Potsdam zwei Wellen: schiere Euphorie, so vieles schien möglich, Fernsehen wurde neu gedacht; andererseits blanke Furcht, was wird aus mir, meiner Arbeit, meiner Sendung? Die zweite Haltung gewann die Oberhand, nicht verwunderlich, wenn in Arbeitsbiografien tief hinein geschnitten wird, es wurde neu besetzt, umbesetzt, intrigiert, geplant, verworfen – und das auf allen Ebenen der Häuser: bei Redaktion, Verwaltung, in der Technik und in der Produktion; und herauskommen muss ein konkurrenzfähiges Fernsehprogramm.

Von den Zuschauern kam ein sehr deutliches Signal, das die Experimentierlust noch weiter dämpfte: Aus B 1, dem SFB-Fernsehen, wurde RBB Berlin, aus dem ORB-Dritten wurde RBB Brandenburg. Gerade der Märker nahm die Wegnahme „seines“ ORB-Fernsehens übel und strafte RBB Brandenburg ab. Ähnliches beim RBB Berlin. Beide Programme sausten in den Quotenkeller, innerhalb der ARD-Dritten liegt RBB Berlin auf dem drittletzten und RBB Brandenburg auf dem vorletzten Platz, Schlusslicht ist traditionell Hessen Drei. Dann hat die Vorabpremiere zum RBB Fernsehen, der „RBB um sechs“ und das Regionalmagazin „zibb“, ausgerechnet den Quotenstolz beider Sender angegriffen: Durch die Berichterstattung zu zahlreichen Themen der Region ab 18 Uhr schwächelt der Zuspruch für die „Abendschau“ und „Brandenburg aktuell“.

Das neue Programm ist, wie Heim feststellt, dreifach geschichtet. Zwischen 18 und 20 Uhr richtet es sich an die Brandenburger, danach und bis 22 Uhr an die Berlin-Brandenburger, nach 22 Uhr an die Berliner. Heim nennt dies das „Drei-Torten-Modell“.

Das RBB Fernsehen schielt nach dem Bauch, Fitness und Wellness und Illness; es will, wie sein Slogan „Unser Programm sind Sie“, ein eingängiges Programm für Stadt und Land sein, Berliner und Brandenburger sollen gemeinsam ein- und ausschalten. Wie sich die beiden vertragen, das ist eine horrible Zukunftsangst im Sender. Natürlich wird der fusionierte Fernsehzuschauer, wie der Radionutzer beim Kulturradio als Nachfolger von Radio Kultur und Radio 3, eine Verlustrechnung ausstellen: Die „Rückblende“ verschwindet (seit 1988 beim SFB), dito gehen das Kinomagazin „Muwie“ und die Ansager, der gelernte ORB-Zuschauer muss auf das Frauenjournal „ungeschminkt“ verzichten.

Das neue Abendprogramm: Nach der Auseinanderschaltung für „Abendschau“ und „Brandenburg aktuell“ wird auf der 20-Uhr-15-Leiste dem Dreiklang aus Service, Ratgeber und Lebensberatung gehuldigt. Am Montag läuft wöchentlich „WAS!“, das Magazin für „Wirtschaft, Arbeit, Sparen“ (das Politmagazin „Klartext“ kommt nur alle zwei Wochen). Dienstags darf im Bürgertalk „Klipp und klar“ geärgert und gemotzt und im Magazin „Hauptsache Mensch“ dem Lebensberater das Herz ausgeschüttet werden. Am Mittwoch gibt es für das RBB-Stammpublikum, das stramm auf die 60 zugeht, „Quivive“ zur Erhaltung der Volksgesundheit. Tags darauf will der RBB mit respektablen Etats Hochglanz-Dokumentationen stemmen, um am Freitag den Tiefpunkt im Populismus, das Magazin „Tier zuliebe“ anzusteuern. Nur konsequent sperrt das Programm ältere Kinder und Jugendliche aus. In diesen Altersgruppen haben SFB und ORB kein Publikum arrondiert, weil sie auch keins wollten. West-Berliner Mentalität beißt sich durch: Ham wa nich, krieg’n wa nich, woll’n wa nich. Bei allem, was drin ist, bei allem, was fehlt: Heim hat sehr genau darauf geachtet, dass die RBB-Sendungen im Moment ihrer Ausstrahlung nicht auf eine vergleichbare Konkurrenz bei anderen Sendern stoßen.

Aus dem Programm vor 22 Uhr ragt noch die Talkshow „Leute am Donnerstag“ mit Ulla Kock am Brink und Jörg Thadeusz heraus. Gerade die Moderatorin Ulla Kock am Brink hat dem Sender Aufmerksamkeit verschafft und sofort die Lücke an prominenten Gesichtern im RBB Fernsehen, insbesondere beim Brandenburger Teil, sichtbar werden lassen.

Mit der Selbstvergewisserung im Bewährten geht die Unsicherheit über das Nichtbewährte einher. Nach 22 Uhr, wenn der Brandenburger schläft und der Berliner noch nicht, dann kommen Kultur, Wissenschaft, Scherz und Satire. Von allem kommt ein wenig und sehr viel zu wenig, wenn Berlin eine Hauptstadt der Kultur und der Wissenschaft ist. Vielleicht fliegt des Nachts auch ein Gran von Esprit durchs Programm. An zwei Punkten lässt das Schema Hoffnung zu: Mit „Innovation“ sind die Leerstellen überklebt. Gabriel Heim kann sich Neuerungen „im Bereich gesellschaftlicher und politischer Dialog vorstellen. Hier ist Potenzial, hier muss er glücken, der Sieg über ein Programm für Biedermärker und Schulle-Berliner.

RBB-Premiere ist am 29. Februar. Das große Jubiläum gibt’s vier Jahre später, 2008, wenn wieder ein Schalttag ist. Nicht unweise.

www.rbb-online.de

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