Medien : Von Untergang und Anfang

Wo ein Pole den stummen Hitler spielt: „Die letzte Schlacht“, ein Film über Berlin im April 1945

Kerstin Decker

Im April vor sechzig Jahren standen die Russen vor Berlin. Das hätten die Deutschen nie geglaubt und auch die Soldaten der Roten Armee, die mit dem Gewehr in der Hand oft zum ersten Mal ihre Heimat verließen, begriffen es kaum. Die Russen in Berlin – das hatte etwas Irreales. Hitler zum Anfassen – das hatte auch etwas Irreales. Aber dieser Hitler hier ist echt. Die Schwesternhelferin Doris Bober sieht ihn am 20. April 1945 im Kinderluftschutzbunker unter der Neuen Reichskanzlei. Eben noch waren lauter kleine Papier-Hakenkreuzfahnen ausgeteilt worden, jedes Kind bekam eine, und dann ist er da, und Doris Bober denkt nichts Großes, gar nichts Patriotisches, sie denkt nur: Extraration! Der Führer hat Geburtstag, also gibt es eine Extraration! Es gibt keine. Und dann ist der Führer auch schon wieder weg. Gesagt hat er nichts.

So beginnt das ZDF-Dokudrama. Es ist der erste und vorletzte Auftritt des Führers in diesem Film, einmal begegnen wir ihm noch, eine Woche später, da sagt er wieder nichts. Und Regisseur HansChristoph Blumenberg stellt ihn auch nur deshalb ins Bild, weil der Kradmelder Hannes Schachelhuber so unverhofft vor Hitler steht, dass er vor Schreck den Hitlergruß vergisst. Keinem fällt das auf, „Adolf dem Letzten“ (Originalton Schachelhuber) am wenigsten. Dass Adolf der Letzte beide Male stumm ist, ist auch besser so, denn er wird gespielt von einem etwas älteren freundlichen Polen, der kein Wort Deutsch spricht, aber den Hitler gibt er mit links. Hans-Christoph Blumenberg schien der stumme Pole die ideale Besetzung für diese Rolle, denn was hat Hitler in einem Film über die letzten Tage des „Dritten Reichs“ zu suchen? Gar nichts, glaubt Blumenberg und befindet sich mit dieser Auffassung in gewissem Gegensatz zu einem nicht ganz unerfolgreichen Kinofilm des letzten Jahres, über dessen Titel man sich noch immer ärgern kann. Wieso eigentlich „Der Untergang“? Ist der junge jüdische Widerstandskämpfer Eugen Hermann-Friede etwa dabei unterzugehen, als er in diesen Apriltagen 1945 plötzlich auf der Straße steht? Die Gestapo hatte ihn rausgeschmissen, entlassen aus der Haft. Nicht aus Menschenfreundlichkeit hat sie das gemacht, aber in diesen letzten panischen Stunden weiß nicht einmal die Gestapo mehr, was sie tut.

Kann schon sein, dass selbst der historisch gebildete Zuschauer die Namen Eugen-Hermann Friede oder Doris Bober oder Hannes Schachelhuber noch nie gehört hat. Genau das ist die Absicht. Denn es gibt noch viel mehr solche Namen in diesem Film. Und nur von ihnen, den bis eben Unbekannten, muss ein Film über „Die letzte Schlacht“ handeln. Von dem Volk, dass laut Hitler nichts Besseres verdient hatte als ein solches Ende. Und von den bislang ebenso namenlosen sowjetischen Soldaten natürlich, die nach Berlin kamen wie Stefan Doernberg. Er ist Leutnant der Roten Armee. Mit elf Jahren hatte er mit seinen Eltern Deutschland verlassen, jetzt, mit neunzehn, kehrt er zurück in der Uniform der Sieger und fühlt sich doch als Deutscher.

Das ZDF hat diese Menschen und ihre Geschichten per Annonce gesucht. Wer dabei war, möge sich melden. Es meldeten sich viele. Fünfzig Interviews wurden geführt, 130 Stunden Interview-Film waren es am Ende. Fünfzig Geschichten passen in keinen Film, aber fast zwanzig vielleicht doch? Und dann hat Blumenberg Schauspieler gesucht für diese Geschichten, denn „Die letzte Schlacht“ ist ein Spielfilm, ist zwanzig Spielfilme in einem, aber nichts darin ist erfunden. Noch die kleinsten Rollen sind hervorragend besetzt. Eugen Herman-Friede, der junge aus Gestapohaft entlassene Jude (Fabian Busch) findet tatsächlich seinen Onkel und seine Tante wieder in einem Versteck unter der Berliner Reichsbank. Christian Grashof spielt den Onkel, eine Neben-Nebenrolle nur, und Jörg Schüttauf ist ein Hausmeister, der die Berlinerin Ilse Anger (Katharina Wackernagel) nach der ersten Vergewaltigung durch die Russen vor allen Wiederholungsfällen bewahrt.

„Die letzte Schlacht“ ist ein sehr aufwendig gemachter Film, aber es hat sich gelohnt. Wie von selbst scheinen sich all diese verschiedenen Geschichten zu einer einzigen zusammenzusetzen. Und immer weiß man, in welchem Leben wir uns gerade aufhalten, so unverwechselbar ist jedes. Sogar dem damals kaum zwanzigjährigen Radiomann, der bis zuletzt die Nachrichten des Großdeutschen Rundfunks gelesen hat, begegnen wir. Als der Führer tot ist, liest Richard Baier (Marek Harloff) den bemerkenswerten Satz: „Der Führer ist tot, es lebe das Reich!“ Ein älterer Kollege macht ihn auf einige Eigentümlichkeiten seines journalistischen Werdegangs aufmerksam: „Zuerst hast du über Länder gesprochen, dann über Städte und Flüsse, dann über Vorstädte und Straßen, dann über Häuser und Stockwerke.“ Keine der gleichzeitig stattfindenden militärischen Besprechungen bringt es zu einer vergleichbaren Präzision in der Einschätzung der Lage. Richard Baier obliegt dann auch die Abmoderation des „Dritten Reiches“, während die Russen zu einer völlig neuen Art der Kriegsführung übergehen. Sie entdecken, dass das Berliner Telefonnetz noch funktioniert, nehmen sich ein Berliner Telefonbuch und rufen an. Wenn sich eine deutsche Stimme meldet, brüllen sie etwas auf russisch in den Hörer; melden sich die Russen, können sie den Frontverlauf auf dem Stadtplan von Berlin neu einzeichnen.

Nicht zuletzt erinnert „Die letzte Schlacht“ an Nikolai Bersarin, den ersten russischen Stadtkommandanten, dessen Engagement für Berlin während des Kalten Krieges in Vergessenheit geriet. Erst 2003 wurde er wieder Ehrenbürger von Berlin.

„Die letzte Schlacht“: Sonntag, Arte, 15 Uhr 48; Dienstag, ZDF, 20 Uhr 15

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