Medien : Von wegen Jugendwahn

Sandra Maischberger peilt die nächsten 200 Talks an

Thomas Gehringer

Mei, war das eine fröhliche Runde. Am Sonntag wird in Bayern gewählt und weil zurzeit auch noch das Oktoberfest läuft, holte sich die ARD die Wiesn-Atmosphäre ins Studio: Eine weißblaue Decke als Dekoration, Brezeln und FC-Bayern-Bierdeckel auf dem Tisch, und die Gäste mussten bei der 200. Sendung von „Menschen bei Maischberger“ dicke Maßkrüge in die Kamera stemmen, auch wenn nur bei Fritz Wepper und Konstantin Wecker Bier drin war. Tatsächlich hatte diese Sendung mit dem Thema „Du glückliches Bayern?“ etwas von Bierzelt. Man quatschte lustig durcheinander, erzählte sich Anekdoten, manchmal stritt man ein bisschen. Wecker nannte Bayern ein „großes Gewerbegebiet“ und Franz Josef Strauß einen „zutiefst undemokratischen Menschen“. „Focus“-Chefredakteur Helmut Markwort sprach pflichtschuldig von einem Zerrbild. Kabarettist Werner Schneyder behauptete, weil der ehemalige Ministerpräsident Edmund Stoiber die alten Amigo-Seilschaften gekappt habe, würde die CSU nun im Lande schwächeln. Aber bevor es im Gespräch interessant wurde, zeigte Sandra Maischberger alte Fotos: Zum Beispiel, wie Katja Ebstein im gepunkteten Mini Wahlkampf für Willy Brandt machte. Seltsamerweise war auch ziemlich viel von Oskar Lafontaine und Kurt Beck die Rede.

Das war mal wieder so eine Wald-und-Wiesn-Sendung bei Sandra Maischberger, dass man verzweifeln mochte, wenn man sich nicht gleich eine Maß einschenken konnte. Aber nach der Aufzeichnung am Dienstagnachmittag in Köln-Mülheim wurde trotzdem Jubiläum gefeiert. WDR-Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff lobte, die Moderatorin sei nach den Fehlern zu Beginn „bei sich selbst angekommen“. Im kleinen Kreis returnierte Maischberger: „Eigentlich haben wir alles richtig gemacht, weil wir ausprobiert haben, was geht und was nicht.“

Als Erbin des Sendeplatzes von Alfred Biolek musste sie vor fünf Jahren das Publikum erst an sich gewöhnen. Von der großen Bühne im Berliner Tränenpalast zog man ins Kölner Studio um, wo sie nun Themensendungen mit vier bis sechs Gästen ohne Publikum bestreitet. Sperrig nennt Maischberger ihr Format, das biografischer und persönlicher sein will als die Sendungen von Anne Will und Maybrit Illner, aber gesellschaftspolitischer als Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner. Oft gelingt das. Maischbergers Fähigkeiten als kluge und genau fragende Moderatorin gehen allerdings im Kuddelmuddel gelegentlich unter. Kleinere Gesprächsrunden sollen jedoch die Ausnahme bleiben. Zumal die jüngste Ausgabe mit dem ehemaligen „Tatort“-Gespann Manfred Krug und Charles Brauer mit acht Prozent Marktanteil floppte. Zweistellig muss es schon sein, sonst muss Maischberger um ihren Job fürchten. 2008 liegt man bei 11,3 Prozent, im Jahr davor war es ein Prozent weniger. Für ansehnliche Quoten sorgen vor allem die Herrschaften jenseits der 70 wie Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher oder Peter Scholl-Latour. „Respektlos“ findet es Sandra Maischberger, wenn Kritiker über die häufige Präsenz der „elder statesmen“ spotten. „Sonst wirft man dem Fernsehen Jugendwahn vor. Da müsst ihr euch mal entscheiden.“ Dass es noch einmal 200 Sendungen werden könnten, hält die 42-Jährige für durchaus möglich. Thomas Gehringer

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