Von wegen Symbolik und Polit-PR : Jucken an Willys Zeh

Eine Arte-Doku verkitscht Brandts Kniefall und nimmt Leben des SPD-Kanzlers unter die küchenpsychologische Lupe.

Sebastian Bickerich
Symbol der Versöhnung. Willy Brandt kniet 1970 in Warschau nieder. Foto: dpa
Symbol der Versöhnung. Willy Brandt kniet 1970 in Warschau nieder. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

„Der kniet“, schallt es aus der Entourage der mitreisenden Journalisten, Begleiter wie Egon Bahr oder Berthold Beitz sind verblüfft und überrascht – doch sie wissen, dass der Willy an diesem 7. Dezember 1970 in Warschau wieder einmal etwas Richtiges getan hat, mit seinem untrüglichen Gespür für Symbolik in der Politik. Die deutsche Öffentlichkeit sieht das anders. Ein Kanzler, der niederkniet? Und das im Osten, bei den Polen? Fast die Hälfte der Befragten einer Umfrage hält das für übertrieben. Solch bornierte Kleinkariertheit ist heute vergessen, der Kniefall ist zum Symbol geworden, das über Generationen hinweg für Versöhnung und politische Glaubwürdigkeit steht.

Für die Autoren Sebastian Dehnhardt und Manfred Oldenburg ein Anlass, mit ihrem Doku-Drama „Der Kniefall des Kanzlers“ am Mittwoch auf Arte einen „präzisen Blick hinter die Kulissen der Brandt’schen Ostpolitik“ zu versprechen. Sie vermeiden eine bloße Nacherzählung, stattdessen versuchen sie sich an einem Psychogramm Brandts, flechten Spielszenen ein und sprechen mit Zeitzeugen. Darunter auch mit einem KGB-Agenten, der sensationelles enthüllen soll. Viel Stoff also für abendfüllende Politikunterhaltung à la Breloer und Co.

Leider gelingt das nicht in Ansätzen. Das geht schon mit dem Titel los, der nicht hält, was er verspricht. Mit dem Kniefall als Moment genialer Polit-PR befasst sich der Film nicht einmal fünf Minuten. Schade eigentlich, denn muss man sich nicht fragen, warum derlei Symbolik heute keine Rolle mehr spielt in der Politik? Warum geht Merkel nirgendwo auf die Knie, warum fängt Wulff nicht an zu heulen, wo sind die Symbole?

Glaubt man den Autoren, müssen sich Merkel und Wulff dafür bei ihren Müttern bedanken. Brandts Versöhnungsdrang, aber auch sein Scheitern in der Guillaume-Affäre, sein Zaudern gegenüber Herbert Wehner, sein Drang zu Frauen bei gleichzeitiger Gefühlskälte gegenüber den eigenen Kindern: All das stecken die Autoren unter eine küchenpsychologische Riesenlupe. Mit einfachem Ergebnis, der Psychoanalytiker Günter Seidler und ein Kinderschauspieler breiten es immer wieder aus: Brandt sei als uneheliches Kind von seiner arbeitenden Mutter lange alleine gelassen worden und hätte später einen Mangel an Zuneigung überkompensiert. Seine Söhne Lars und Peter werden mit Aussagen zitiert, ihr Vater habe ein Problem mit Nähe gehabt; eine Spielszene bringt Aufklärung: Gezeigt wird Peter, der dem schlafenden Vater am unter der Decke hervorlugenden Zehen kitzelt; Brandt schickt ihn raus, ist sauer. Was sagt uns das? Was sagen die Aussagen von Brandts Ex-Geliebter Heli Ihlefeld, die über Versprechungen Willys erzählt, mit ihr eines Tages mal in den Süden fahren zu wollen?

Vielleicht so viel: Der Versuch, Politik zu erklären mit bloßem Psychokitsch und gänzlich ohne zeithistorischem Kontext, er muss scheitern. Daran kann auch Wjatscheslaw Keworkow, der angebliche KGB-Agent, nichts ändern. Seine Aussagen, er habe in geheimer Mission mit einem Geldkoffer Breschnews voller Dollar das Misstrauensvotum verhindern wollen, sind letztlich uninteressant – war es doch die Stasi, die Brandt 1972 noch rettete, um ihn im Jahr darauf dank Guillaume zu stürzen.

„Der Kniefall des Kanzlers – Die zwei Leben des Willy Brandt“, 20 Uhr 15, Arte

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