Medien : Vor dem Untergang

„Der Sturm“ dokumentiert das Kriegsende im Osten

Kerstin Decker

Allmählich bekommt man ein Gefühl für die Real-Zeit des Zweiten Weltkrieges. Schon seit Jahren vollzieht Knopps TV-Geschichtswerkstatt seinen Verlauf nach. Es ist noch nicht lange her, da sahen wir hinein in den Kessel von Stalingrad. Die große Wende des Krieges deutete sich an. Morgen vor sechzig Jahren begann die sowjetische Großoffensive gegen Hitlers Reich. Im Januar 1945 gab es das deutsche Ostpreußen noch, war Königsberg noch seine Hauptstadt. Die Rote Armee hatte eine zwanzigfache Überlegenheit an den Grenzen des Deutschen Reichs gesammelt, Hitler kannte die Zahlen und nannte sie „den größten Bluff seit Dschingis Khan“. Vier Monate später stand die Rote Armee vor Berlin.

Der erste Teil der ZDF-Dokumentation heißt „Die Schlacht um Ostpreußen“. Knopps Autoren Annette Tewes, Stefan Mausbach und Stefan Brauburger gelingt eine überzeugende Überblendung von individuellem Schicksal und Kriegsverlauf. Alexander Fürst Dohna aus Schlobitten dachte schon an die Flucht, als den meisten Menschen in Ostpreußen dieser Gedanke noch völlig absurd erschien. Ihm nicht, er war in Stalingrad dabei gewesen. Alexander Fürst Dohna plante im Stillen die Flucht, denn im Dezember 1944 ist das Fluchtverbot für Ostpreußen noch einmal verschärft worden. Doch dass er allein gehen könnte, war für den Gutsbesitzer undenkbar. Der alte deutsche Landadel sorgte für seine „Untertanen“ oft wie für eine Familie – diese Seite der Gutsherrlichkeit ist vielen heute kaum noch bewusst. Die Töchter des Fürsten erinnern sich an ihren Abschied von Schlobitten, der so unwirklich war, weil das Schloss, das Dorf und der Bahnhof vertraut dalagen wie immer – es war kein Grund zu sehen, warum sie fortgehen sollten.

Nicht zu sehen? Einige trauten ihren Augen zu sehr und verpassten den Treck. Auch deren Berichte hören wir. Damals waren sie Kinder, sahen, wie ihre Mütter von sowjetischen Soldaten vor ihren Augen vergewaltigt wurden. Dann trieb man die Frauen weg - zur Zwangsarbeit nach Sibirien. Nur Stunden entschieden über die so verschiedenen Schicksale der Schlobitter. Die meisten erreichten den Westen. Auch die Zerstörung Königsbergs dokumentiert dieser erste Teil - wieder, wie längst erprobt, aus den Perspektiven der Belagerten und der Belagerer. Die einstige russische Soldatin, die an die Front ging, um das Bild einer von den Deutschen gepfählten jungen Frau aus ihrem Kopf zu löschen, kommt ebenso zu Wort wie die einstigen Kinder Königsbergs.

Die Seele hat ihre eigene Zeitrechnung. Manches hinterlässt auf ihrer Oberfläche Abdrücke, die haben kein Talent zu vergehen, selbst nach sechzig Jahren nicht. Knopps Autoren entwickeln den Ehrgeiz, auch solche intimste Berichte zu bebildern – in peinlichster Direktheit. Eine Frau spricht vom Hungertod ihrer Mutter in Königsberg, und wir sehen dazu ein Bett mit dem Abdruck eines Körpers. Das ist geschmacklos, nicht nur im ästhetischen, auch im moralischen Sinne.

Trotzdem ist auch der neue Knopp-Vierteiler sehenswert. Der nächste Teil erinnert an die „Festung Breslau“, wo die Todgeweihten noch Goebbels „Kolberg“ sahen. In den Napoleonischen Kriegen hielt Kolberg stand, jetzt, im März 1945 hatte es keine Chance mehr.

Sechzig Jahre nach 1945, und fast nichts ist vergangen? Doch, eines schon: der Hass.

„Der Sturm“: ZDF, immer dienstags, 20 Uhr 15

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