Medien : Vor vollendeten Tatsachen

Josef Depenbrock ist Chef der „Berliner Zeitung“ Redaktion reagiert mit einer Erklärung auf Seite 1

Ulrike Simon

Die Lokalredaktion der „Berliner Zeitung“ konferierte wie jeden Morgen, als um 9.57 Uhr eine E-Mail der Geschäftsführung eintraf. Peter Skulimma berief die Redaktion für 10 Uhr zu einer Versammlung ein. Was er zu sagen hatte, dauerte nicht lange. Josef Depenbrock, 44, ist mit sofortiger Wirkung Chefredakteur und tritt die Nachfolge von Uwe Vorkötter an, der zur „Frankfurter Rundschau“ wechselt. Die Redaktion der „Berliner Zeitung“ war schockiert. Erst vorige Woche hatten 110 von ihnen einen Brief unterschrieben. Darin hatten sie erklärt, sie betrachteten es als groben Vertrauensbruch, falls sie vor Abschluss der Verhandlungen um ein Redaktionsstatut vor vollendete Tatsachen gestellt würden. Das Statut sollte der Redaktion ein Vetorecht bei der Bestellung und Abberufung des Chefredakteurs einräumen. Doch die Eigentümer um David Montgomerys Mecom und Veronis Suhler Stevenson (VSS) wollen dem nicht zustimmen. Gestern um 16 Uhr sollten Redaktionsausschuss und Geschäftsführung abschließend darüber verhandeln. Doch die Tatsachen waren bereits geschaffen. „Das Vertrauensverhältnis zur Geschäftsführung ist damit schwer beschädigt worden“, sagt Betriebsratschefin Renate Gensch. Die Redaktion spricht von „Affront“.

Depenbrock, publizistisch unauffällig, hat fast nur bei Boulevardblättern gearbeitet, zuletzt als Geschäftsführer und Chefredakteur der „Hamburger Morgenpost“. Dort erwies er sich als Sanierer, der sich die natürliche Fluktuation zunutze machte, um die Redaktion zu verschlanken. Er veränderte Abläufe, schloss Zeitverträge und schrumpfte die Auflage gesund. Mittlerweile schreibt die „Mopo“ schwarze Zahlen. Wer Depenbrock kennt, sagt, er sei weniger Journalist denn Manager, er könne mit Geld umgehen, sei pragmatisch und offen für Argumente. Stoße er auf Ablehnung, offenbare er sich jedoch als sturer Westfale. Depenbrock gilt als ein Mann des früheren Gruner + Jahr-Vorstandschefs Gerd Schulte-Hillen, der seit dem Einstieg von Mecom und VSS ins deutsche Mediengeschäft an deren Seite stets eine gewichtige Rolle spielt.

Im Moment stört sich die Redaktion der „Berliner Zeitung“ vor allem daran, wie mit ihr umgegangen wird. Doch auch Depenbrock wird kritisch gesehen. Denn er wird nicht nur Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ und zudem Herausgeber der Hamburger „Mopo“ (dort schlug er als künftigen Chefredakteur Matthias Onken vor); außerdem wird Depenbrock als Anteilseigner und Geschäftsführer für die redaktionellen Belange der BV Deutsche Zeitungsholding zuständig sein („Berliner Kurier“, „Tip“). Die Redaktion sieht darin eine „Verquickung zwischen redaktionellen und wirtschaftlichen Interessen“.

Wie im Taubenschlag ging es bei der „Berliner Zeitung“ gestern zu. Während sich kurz nach 11 Uhr Depenbrock auf den Weg nach Berlin machte, traf sich die Redaktion der „Berliner Zeitung“ zur Vollversammlung. Am Mittag grübelte der Betriebsrat mit Martin Dieckmann von Verdi über das weitere Vorgehen. Sie beschlossen, am Nachmittag eine Dauer-Sprechstunde einzurichten: „Es gibt enormen Beratungsbedarf“, sagte Gensch.

Um 14.15 Uhr kam Vorkötter und verabschiedete sich von der Redaktion. Um 15 Uhr stellte sich Depenbrock vor. Er sprach davon, eine Zeitung sei kein Museum. Veränderung müsse sein. So sei das „Vermischte“ als meistgelesene Seite mit 1,6 Stellen unterbesetzt, das Feuilleton dagegen sei zu gut ausgestattet. Die Redaktion sieht ihre Befürchtung, der publizistische Anspruch sei in Gefahr, bestätigt. Zumal Depenbrock erst Anfang Mai bei den Leipziger Medientagen gesagt hatte, er habe in der Vergangenheit stets nicht nur als Chefredakteur, sondern wie ein Investor gehandelt – sei es beim früheren Anlegerblatt „Cash“, bei der „Mopo“ oder beim Kauf und Verkauf der Zeitschrift „TV Today“.

Ans Blattmachen dachte bei all dem Tumult gestern kaum jemand. Die Frühausgabe der „Berliner Zeitung“, so sie überhaupt gedruckt wurde, enthielt neben vielen weißen Seiten anstelle des Aufmachers eine Erklärung in eigener Sache. Auch die Spätausgabe werde nicht komplett sein, hieß es um 18 Uhr. „Wir waren gezwungen, uns ausnahmsweise mit der Lage unserer Zeitung auseinander zu setzen“, erklärte die Redaktion.

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