Medien : Vorbild Tchibo

Süddeutscher Verlag setzt auf Nebengeschäfte New-York-Times-Beilage erhöht montags die Auflage

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22 Minuten nimmt sich der Durchschnittsdeutsche Zeit zum Lesen seiner Zeitung. Hat die „Süddeutsche“ da nicht Angst, noch weniger gelesen zu werden, wenn sie ihre Leser dazu bringt, Bücher zu kaufen?, lautete eine Frage an Klaus Josef Lutz, Geschäftsführer des Süddeutschen Verlags. Seine Antwort war sehr ehrlich: „Hauptsache, die Leute kaufen die Bücher von uns, und wir verdienen das Geld, um den Qualitätsjournalismus der Zeitung zu finanzieren. Ob die Bücher gelesen werden, ist mir egal.“ Seit zwei Monaten verkauft die „SZ“ Bücher – 50 Titel insgesamt. Wird die gesamte „SZBibliothek“ bestellt, bekommt der Kunde Bücher, die im Regal 1 Meter 30 Platz brauchen. Lutz sagte das mit dem Lächeln, das jeder Buchhändler kennt, der einmal den Kundenwunsch erfüllen musste, „einen Meter Bücher“ zusammenzustellen, „egal was, gut aussehen sollte es aber“.

Lutz ist seit einem Jahr Geschäftsführer der „SZ“. Zwei Tage nach seinem Antritt erfuhr er, dass das Geld nur noch für vier Wochen reicht, erzählte er am Dienstag bei der Tagung der Akademie für politische Bildung in Tutzing. Es sei ihm daher nichts anderes übrig geblieben, als „ganz brutal“ vorzugehen. Sympathie erwarb er sich weder mit dem massiven Stellenabbau, noch mit der Kürzung des Redaktionsetats von 63 auf 48 Millionen Euro bei noch 311 festen Redakteuren, noch mit der Straffung und dem nahezu kompletten personellen Austausch des Anzeigenverkaufs. Immerhin erwirtschaftete der Verlag, der mit der Südwestdeutschen Medien Holding einen neuen Gesellschafter bekam, 2003 einen kleinen Jahresüberschuss von 600 000 Euro (nach einem Fehlbetrag von 77 Millionen Euro im Vorjahr). Trotz aller Brutalität seines Vorgehens, sagte Lutz: Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er die Jugendbeilage „Jetzt“ nicht eingestellt. Montags liegt der „SZ“ neuerdings etwas anderes kostenlos bei: ein englischsprachiges Tabloid der „New York Times“, auf das Lutz den montäglichen Auflagensprung um 7000 Exemplare zurückführt. Neben neuen Lesern möchte Lutz mit der Beilage internationale Werbekunden für den Marktführer unter den überregionalen deutschen Tageszeitungen gewinnen.

Lutz will noch weitergehen und spricht in diesem Zusammenhang von der „Tchiboisierung“ des Verlagsgeschäfts. So wie bei Tchibo der Kaffeeverkauf neben den anderen Produkten, die dort vertrieben werden, nur noch einen kleinen Anteil hat, will Lutz „die Marke ,Süddeutsche Zeitung‘ kapitalisieren“, das heißt, als Vertriebskanal für „zeitungsaffine“ Produkte nutzen. Die Bücher sind der Anfang. 56 000 Gesamtbibliotheken wurden bisher verkauft, bis Weihnachten könnten es 100 000 werden – kalkuliert worden sei mit 10 000. Von einzelnen Ausgaben würden bis zu 200 000 Exemplare bestellt. Dem Management, so Lutz, habe er zur Vorgabe gemacht, binnen drei Jahren 50 Millionen Umsatz durch Sondergeschäfte zu erwirtschaften. Zudem kündigte er an, vor Weihnachten ein weiteres Projekt zu starten, das besonders potente Zielgruppen anspricht. Ziel sei, von diesem Potenzial aus acht Millionen Menschen 36 000 zu neuen „SZ“-Lesern zu machen. usi

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