Medien : Vorbild USA

Tipps für die Kandidaten: Gut rasieren und nicht besserwisserisch sein

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Von Annette Schmiede

Linkisch, verhärmt und unrasiert – so stand Richard Nixon neben seinem Gegenkandidaten, dem Sonnyboy John F. Kennedy. Zumindest wirkte Nixon in dem gleißenden Studiolicht so auf die Zuschauer vor den Bildschirmen zu Hause. Die hielten – das ergaben Meinungsumfragen am Tag danach – den jungen Kennedy für den Sieger des Abends, ganz anders als die Radiohörer, die von der Rhetorik Nixons überzeugt waren. Das verunglückte TV-Duell von 1960 – das erste TV-Duell überhaupt – bedeutete für Nixon denn auch eine verlorene Wahl.

Für die Amerikaner ist es seither „the biggest job interview“. In den präsidial regierten USA sind die bis zu drei TV-Debatten, die jeweils im Vormonat der Wahl (Oktober) stattfinden, der Höhepunkt des Wahlkampfs. Dementsprechend generalstabsmäßig wird das TV-Großereignis geplant.

„So ernst wie einen Atomwaffenvertrag“ nähmen die Wahlkampfberater der Kandidaten die TV-Debatten, sagt der amerikanische Medienwissenschaftler Larry Levin. Und so werden in monatelangem Hin und Her auch noch die kleinsten Details festgelegt: wie viel Volt Beleuchtung, wie hoch die Raumtemperatur… Der amerikanische Zuschauer wünscht sich den perfekten Kandidaten: seriös, aber nicht abgebrüht, nicht besserwisserisch und nicht distanziert. „Speak from the heart“, lautet der Tipp der Spin-Doktoren.

Wichtig ist in den USA das erste Duell, das stets die höheren Einschaltquoten hat. Die groben Vorgaben für alle Duelle macht seit 1987 die Commission on Presidential Debates (CPD). Bei ihr gehen die Bewerbungen um die Austragungsorte ein (meistens Colleges, Universitäten oder Turnhallen), sie vergibt die Übertragungsrechte für die Debatten, sie organisiert auch das Duell der Kandidaten, die um das Amt des Vize-Präsidenten kämpfen. Diese Commission on Presidential Debates bestimmt die Gesprächsform („informal“, also sitzend in einer kleinen Runde, oder „town hall“, also stehend vor Publikum, das auch Fragen stellen darf), sie bestimmt die Startzeit und Länge der Duelle (21 Uhr, 90 Minuten lang) sowie den Moderator (meistens ein Nachrichtenmann).

Den Kandidaten werden die Fragen zuvor nicht mitgeteilt; eine Münze entscheidet, an wen sich die erste Frage richtet. Die beiden Anwärter haben jeweils zwei Minuten, um eine Frage zu beantworten, und eine Minute, um dem Gegner zu erwidern. Gesprochen wird nur übereinander, in der dritten Person. Notizblöcke dürfen mitgebracht werden, sie müssen jedoch unbeschrieben sein. Gelegenheit zur Zusammenfassung des eigenen Standpunkts gibt es für die Kandidaten zwei Minuten am Ende des Duells. Vor der Kamera treffen sie anschließend ihre Familien und Anhänger – es darf gemenschelt werden.

Frankreich

Ebenfalls wahlentscheidend ist das finale Streitgespräch in der französischen Präsidialdemokratie. 1974 eingeführt, wird es von mehreren Sendern übertragen und von zwei Journalisten moderiert. Es dauert stets etwas mehr als eine Stunde und findet traditionell zwischen den beiden Runden der Präsidentenwahl statt: nach dem ersten Wahlgang – und vor der Stichwahl zwei Wochen später. Präsident Chirac verweigerte sich seinem Kontrahenten in diesem Jahr. Der hieß Jean- Marie Le Pen, ist Rechtsaußen und wird im Gespräch schnell persönlich. Chirac sagte ab – was ihm wenige Landsleute nachsahen.

Italien

In Italien kennt man das Fernsehduell seit 1994; eine Änderung im Wahlgesetz hatte es möglich gemacht. 1996 traten Silvio Berlusconi und Romano Prodi in zwei Duellen mit einem Moderator gegeneinander an. Übertragen wurden sie sowohl von privaten als auch von öffentlich-rechtlichen Sendern. 2001 spielte Berlusconi den Verweigerer. Er lehnte ein Duell mit Francesco Rutelli ab, weil der zwar Herausforderer, aber kein Parteiführer war – ein Duell hätte den Gegner aufgewertet.

Großbritannien

Ein Duell der Kandidaten existiert in der parlamentarischen Erbmonarchie Großbritannien bisher nicht, obgleich das Thema seit 1997 im Gespräch ist. Der Fernsehzuschauer hat aber seit Jahren die Möglichkeit, sich in ein „kleines Duell“ zuzuschalten, das jede Woche während der parlamentarischen Sitzungsperiode sowohl von der öffentlich-rechtlichen BBC als auch dem privaten Sky Channel aus dem Plenarsaal des Unterhauses übertragen wird. Abgeordnete aller Parteien wenden sich in dieser 30 Minuten dauernden Fragestunde, der „Prime Minister’s question time“, an den Premier, den Oppositionsführer oder die Minister. 2001 waren die Vorbereitungen für eine Dreier- Debatte erstmals in vollem Gang, als Tony Blair sich zurückzog. „Runaway Blair“ titelten die Medien, doch der blieb hart: Großbritannien sei eben nicht Amerika.

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