Medien : Vorsicht! Freakmann

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Also nochmal ein Recycling eines Fernsehformates.

„Big Brother“, das war im Juni vor zwei Jahren: Christoph Schlingensief stellte einen Container mit zwölf Asylbewerbern vor die Staatsoper in Wien. Wer rausgewählt wurde, wurde abgeschoben. Der Gewinner bekam eine Hochzeit mit einer Österreicherin geschenkt und damit den begehrten österreichischen Pass. Schlingensiefs „Big Brother“ war nicht schlecht.

Diesen März inszenierte er „Wer wird Millionär?“ an der Berliner Volksbühne. KZs waren von Norden nach Süden zu sortieren, und wer es schaffte, bekam einen Tusch. Die Kritiker fanden’s diesmal nur noch nervig.

Heute kommt Schlingensiefs Variation der RTL-2-Casting-Show „Popstars“.

Wie es geworden ist? Das weiß keiner. Schlingensief schneidet die Show noch bei Viva in Köln zusammen. Viel Zeit hat er nicht mehr, heute, 21 Uhr, läuft die erste der sechs Folgen auf Viva Plus, also ziemlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit, denn wer ist von der Musiksender-Klientel schon an einem Samstagabend zu Hause?

Was man aber schon weiß: Die Protagonisten sind Behinderte. Mit Liedern wie „Lili Marleen“ oder „Karamba“ bewerben sie sich für Plätze in der Schlingensief-Band. „Freakstars 3000“ heißt deshalb die Sendung und nicht „Popstars“. Was wohl eine Anlehnung an den berühmten 30er-Jahre-Film ist, in dem Liliputaner vom Jahrmarktbuden-Besitzer, für den sie auftreten, ausgebeutet und verhöhnt werden – und sich rächen. Eine Moral, die zu Schlingensief passt.

„Im Fernsehen“, sagt der, „kommen Behinderte doch normalerweise nur so fürchterlich vor wie bei Kerner.“ Kerner schiebe einen Rollstuhlfahrer rein und sage: „Schön, dass sie durchgehalten haben. Und weiter noch: toi, toi, toi.“ Schlingensief spricht das in einen Telefonhörer hinein. Er sitzt auf dem Bett seines Hotelzimmers, obwohl es schon Mittag ist. Aber er ist gerade erst aufgewacht. Bis in die Morgenstunden haben sie gestern noch an „Freakstars 3000“ geschnitten. Er, Schlingensief, sagt er noch, wolle Behinderte anders zeigen. Hat er so was Ähnliches nicht schon über Arbeitslose gesagt? Und über Asylbewerber? Das Sendekonzept klingt nach typischem Schlingensief-Muster. Ein Muster, bei dem Politik manchmal eins zu eins in Kunst übersetzt wird. Nach kalkulierter Anarchie. Das haben Theaterkritiker schon oft an seinen Stücken bemängelt. Aber im Fernsehen, in dem immer alles so glatt läuft, ist Schlingensief tatsächlich fast immer eine originelle Abwechslung.

Wenn er mit „Freakstars“ fertig ist, fährt er Richtung Theater: zum Festival „Theater der Welt“. Er fährt mit einem Auto ns „Möllemobil“, im Kofferraum Walser-Bücher. Er will sie verbrennen. Das ist sein Beitrag zur Anitsemitismus-Debatte. Barbara Nolte

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