"Vorsicht Mafia" : Schattenwirtschaft

Wie sich die Cosa Nostra mit Scheinfirmen in Deutschland breitmacht. Ein ARD-Report mit anschließender Talkrunde.

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In der Karlsruher Südstadt ermittelt die Polizei in einem illegalen Warenlager für gefälschte Markenartikel der Camorra.
In der Karlsruher Südstadt ermittelt die Polizei in einem illegalen Warenlager für gefälschte Markenartikel der Camorra.Foto: ARD

Wer von Mafia-Methoden spricht, denkt vermutlich an Schutzgeld-Erpressung, an blutige Bandenkriege oder – mit wohlig cineastischem Schaudern – an das „Pate“-Filmzitat vom „Angebot, das er nicht ablehnen kann“. In der Dokumentation „Vorsicht Mafia“ erzählen Anna Neifer und Marko Rösseler noch von einer anderen Realität, von Kriminellen mit „weißem Kragen“, vom einträglichen Geschäft mit Strohmann-Firmen, die den Einsatz von Schwarzarbeitern auf Großbaustellen verschleiern. Besonders in Deutschland. In Köln stehen zurzeit vier Sizilianer wegen „bandenmäßigen Betrugs“ vor Gericht. Deren 17 Firmen haben Rechnungen für rund 400 Bauunternehmen in Deutschland geschrieben. Der Schaden an nicht gezahlten Steuern und Abgaben, so die Ermittler, dürfte allein hier bei 20 Millionen Euro liegen.

In der WDR-Doku kommen Anwälte, Polizisten und Experten aus Deutschland und Italien zu Wort. Und ein verurteilter ehemaliger Mafia-Killer, der nun als Kronzeuge aussagen will, vor der Kamera Klimmzüge macht und gerne Schach spielt. Am Ende verliert Weiß, der Staat. „Ihr Deutschen habt keine Anti-Mafia-Gesetze. Das ist aber nötig. Ihr seid völlig hilflos“, sagt der Mann, von dem man nur einen Schatten sieht. Auch andere Gesprächspartner bleiben lieber anonym, und der Rest wird im Halbdunkel gefilmt. Ein Blick in eine Schattenwelt also, von der es naturgemäß nur wenige Bilder gibt. Also werden hier Tauben, die in Scharen über öffentliche Plätze herfallen, zur Metapher für die Mafia, und in Palermo sehen wir eine tote Ratte auf der Straße liegen. Deutschland, heißt es zu Beginn aus dem Off, sei „ein gefundenes Fressen“.

Der Film bietet jedoch nicht nur ein suggestiv aufgebautes Bedrohungsszenario, sondern auch handfeste Recherche: Neifer und Rösseler erläutern Strukturen und Methoden, können allerdings keine konkrete Baustelle benennen, bei der die sizilianische Cosa Nostra ihre Hände im Spiel hatte. Weil die Ermittler die Hintermänner gar nicht zu fassen bekommen. Auch im Prozess gegen die vier Angeklagten in Köln spielte eine mögliche Zugehörigkeit zur Mafia kaum eine Rolle.

Ungewöhnlich an dem Film sind nicht zuletzt die medialen Begleitumstände: Fernsehen, Print und Online gehen hier Hand in Hand. Um die grundlegende Recherche zum Thema haben sich weniger der WDR, sondern David Schraven von der Funke Mediengruppe sowie Jörg Diehl vom „Spiegel“ verdient gemacht. Solche medienübergreifende Zusammenarbeit auf dem investigativen Feld – wie auch beim „Rechercheverbund“ von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ – greift um sich. Für WDR-Inlandschefin Sonia Seymour Mikich ist das ein erwünschter Vorgang: „Es gibt Kollegen, die können es richtig gut miteinander. Sie wühlen auf dem gleichen Feld und sollen nun stärker miteinander kooperieren.“

Dem Film folgt eine „Hart, aber fair“-Diskussion: „Mafia, Jugend-Banden, Roma-Clans – wer hat die Macht auf unseren Straßen?“. Thomas Gehringer

„Vorsicht Mafia“, ARD, Montag, um 20 Uhr 15; „Hart aber fair“, 21 Uhr

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