Medien : Vorsicht! Werbung: Armes Internet

Reinhard Siemes

Alle Tagesspiegel-Leser, die am Neuen Markt mit Dot-Com-Aktien ihr letztes Armani-Jacket verloren haben, können sich trösten: Auch ich bin mit meinem Ersparten und der Weisheit, die ich nie hatte, unter der Brücke. Schadenfreude willkommen.

Gerade ich als vermeintlich ausgebuffter Alt-Werber hätte wissen müssen: Das Internet ist zwar ein neues Werbemedium, zudem global - was jede Kritik in die Knie zwingt. Von der Anmutung her aber ist es genauso lebendig und attraktiv wie die Werbefläche auf einem Kugelschreiber. Geht auch gar nicht anders. Blinkende Briefmarken oder wandernde Gummibundleisten lassen nicht zu, dass man dem Ver- braucher Vorfreude auf ein neues Buch macht, auf ein schönes Kleidungsstück oder einen Sessel, in dem er viel bequemer surfen kann.

Hinzu kommt, dass viele der Miniwerbeflächen von Programmschreibern gestaltet werden. Also sehen sie aus wie typografierte Programmecken. Die Cracks in den großen Werbeagenturen widmen sich viel lieber der vierfarbigen Anzeigenseite und dem Kinowerbefilm, die beim Reklamewettbewerb in Cannes einen "Goldenen Löwen" gewinnen können. Entscheidend aber für die Beschränktheit der Werbung im Internet ist das Internet selbst. Im Kino lachen oder stöhnen Menschen um dich herum. Zeitungen und Zeitschriften kannst du mit aufs Klo nehmen. TV-Spots lassen sich wegzappen. Und Plakate stören zumindest die Landschaft.

Die Werbeinseln im Internet dagegen sind schlicht und einfach belanglos. Du nimmst sie hin wie überflüssige Blümchen auf deinem Toilettenpapier. Der freudlose Vorgang der Online-Bestellung kommt allenfalls erschwerend hinzu. Du riechst nicht die frischen Druckfarben der Bücher, spürst kein Papier. Und du hast niemanden, der sich genau dann vor dem Regal mit den Bestsellern breit macht, wenn du den neuen Henning Mankell greifen willst.

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